Lebensreform

- eine Kurz-Ein­füh­rung von V. Wag­ner
(Letz­te Über­ar­bei­tung: 2026–1‑9)

[Vor­be­mer­kung: Ich ver­wei­se auch auf mei­ne Rezen­si­on von Wede­mey­er-Kol­wes “Auf­bruch — Die Lebens­re­form in Deutsch­land” sowie auf den aus­führ­li­chen Arti­kel von Ste­fan Rind­lis­bach über die Lebens­re­form in der Schweiz. Video in Eng­lish — Life­re­form move­ment in 10 minu­tes.]

Will man die Lebens­re­form vom Begriff her erklä­ren, so meint ‘Leben’ einen ganz­heit­li­chen Ansatz — alle Berei­che des mensch­li­chen Lebens, des Kör­pers und Gei­stes, wer­den ein­be­zo­gen, wobei aus dem guten Umgang mit dem Kör­per ein all­ge­mei­nes gei­stig-see­li­sches Wohl­be­fin­den resul­tie­ren soll­te. ‘Reform’ meint lang­sa­me, nach­hal­ti­ge und pri­va­te Ver­än­de­rung — das Gegen­teil von Revo­lu­ti­on. Dies ist aber nicht nur auf der indi­vi­du­el­len Ebe­ne zu ver­ste­hen: “Lebens­re­form ist Selbst­er­mäch­ti­gung des Indi­vi­du­ums zur Ver­än­de­rung der Gesell­schaft, und zwar begin­nend bei sich selbst und bei der Ver­än­de­rung der eige­nen Lebens­wei­se (… die) von vorn­her­ein auf Signal­wir­kung und Vor­bild­funk­ti­on ange­legt (ist).” (in: Grund, Uta (Hrsg.): Unweit von Eden, Tagung zur Kon­zep­ti­on des Muse­ums der deut­schen Lebens­re­form; Pots­dam  2000)
Es war ein Auf­be­geh­ren von Indi­vi­du­en gegen das grö­ße­re Gan­ze, ab 1890 die wil­hel­mi­ni­sche Gesell­schaft, “die kei­ner­lei Sinn für die Frei­heit des Ein­zel­nen ent­wickelt hat.” (Stei­nin­ger, Rita: Gustav Land­au­er, Mün­chen 2020)

Klaus Mann for­mu­lier­te: “Ange­sichts einer Göt­zen­däm­me­rung, die das Erbe von zwei Jahr­tau­sen­den in Fra­ge stellt, such­ten wir nach einem neu­en zen­tra­len Begriff für unser Den­ken, einem neu­en Leit­mo­tiv (…) und wir fan­den den ‘Leib’.” (in: D. Kerbs / J. Reulecke: Hand­buch der Deut­schen Reform­be­we­gun­gen 1880 — 1933, Wup­per­tal 1998)
Das Zitat ver­weist auch dar­auf, daß die Natur­heil­kun­de, also ins­ge­samt Refor­men medi­zi­nisch-hygie­ni­scher Art am Anfang der Lebens­re­form­be­we­gung Mit­te des 19. Jahr­hun­derts stan­den; der Begriff als sol­cher wur­de in den 1890er Jah­ren erst­ma­lig benutzt. Erst spä­ter folg­ten sozi­al­po­li­ti­sche Refor­men wie auch sol­che welt­an­schau­lich-reli­giö­ser Art, die als die drei gro­ßen the­ma­ti­schen Berei­che der Lebens­re­form ange­se­hen wer­den kön­nen. Es ist eine Wand­lung aus­zu­ma­chen: was in den Anfangs­jah­ren als ’natür­lich’ bezeich­net wur­de (’natur­ge­mä­ße Lebens­wei­se’), wur­de spä­ter ‘lebens­re­for­me­risch’ genannt. Gleich­zei­tig wur­de die ‘Lebens­wei­se’ zur Lebens­kunst, wan­del­te sich die Domi­nanz medi­zi­nisch-natur­heil­kund­li­cher The­men hin zu ästhe­ti­schen: “So wur­de aus einer (…) die üblen Fol­gen der Indu­stria­li­sie­rung teil­wei­se rich­tig erken­nen­den Bewe­gung fol­ge­rich­tig eine refor­me­ri­sche Per­sön­lich­keits­sti­li­sie­rung, die Kunst­wart­be­stre­bun­gen mit Nackt­tän­zen, Vege­ta­ris­mus mit Jugend­stil und Urchri­sten­tum mit dem Sied­lungs­häus­chen ver­band.” (J. Fre­cot / J. F. Geist / D. Kerbs: Fidus 1868 — 1948, Zur ästhe­ti­schen Pra­xis bür­ger­li­cher Flucht­be­we­gun­gen, Zwei­tau­send­eins 1997)

Und weil sie so prä­zi­se ist, möch­te ich gleich die­se Kurz­de­fi­ni­ti­on der Lebens­re­form von Micha­el Gri­sko hin­zu­fü­gen: “Gesell­schafts­kri­ti­sche Momen­te im Ver­bund mit einer behut­sa­men und vor allem ‘klei­nen’ Reform bestehen­der Ver­hält­nis­se und die Aus­bil­dung einer hedo­ni­sti­schen und auf Dif­fe­renz abzie­len­den Lebens­pra­xis ver­ban­den die unter­schied­li­chen Teil­be­we­gun­gen bis zu ihrem Ver­bot (gemeint ist hier kon­kret die Frei­kör­per­kul­tur, V. Wag­ner) im Jahr 1933.” (M. Gri­sko: Frei­kör­per­kul­tur und Lebens­welt, Stu­di­en zur Vor- und Früh­ge­schich­te der Frei­kör­per­kul­tur in Deutsch­land, Kas­sel Uni­ver­si­ty Press 1999)

Die Reform ist also zuerst, wie oben bereits erwähnt, zu ver­ste­hen als Selbst­re­form, als dis­zi­pli­nier­tes Arbei­ten mit dem eige­nen Kör­per im Hin­blick auf die gewünsch­ten Ver­än­de­run­gen: “Denn Lebens­re­form ist vor allen Din­gen Selbst­re­form; sie hat bei der eige­nen Per­son und im eige­nen Hau­se zu begin­nen.” (Fried­rich Land­mann, in: Fre­cot / Geist / Kerbs, a.a.O.)
Den­noch steht die Selbst­re­form am Anfang einer gewünsch­ten Ent­wick­lung hin zu poli­ti­schen Ände­run­gen — und sie kann in einer Gemein­schaft betrie­ben wer­den. Cha­rak­te­ri­stisch für die Lebens­re­form ist eine Viel­zahl sub­kul­tu­rel­ler Grup­pie­run­gen (Ver­ei­ne, Kom­mu­nen, Sied­lun­gen …), obwohl es nie eine Art Dach­ver­band der Lebens­re­form gege­ben hat.
Von der Grund­hal­tung her ist es eine idea­li­sti­sche Bewe­gung, eine Sinn­such­be­we­gung und Sozi­al­uto­pie, die manch­mal auch abwer­tend als ‘Flucht in die Inner­lich­keit’ / ‘Kult der Inner­lich­keit’ bezeich­net wur­de.
Ida Hof­mann, Mit­be­grün­de­rin der Kom­mu­ne auf dem Mon­te Veri­tà, schrieb in die­sem Sin­ne: “Wer­det und schaf­fet ‘Men­schen’ im wah­ren Sin­ne des Wor­tes — Men­schen höhe­rer Lebens­art und Gesin­nung, und wie ein Glied einer Ket­te sich an das ande­re fügt, sol­che Wir­kung nur sol­che Ursa­che hat, so schaf­fet Ihr Har­mo­nie im Gan­zen, wenn Ihr Har­mo­nie im Ein­zel­nen schafft.” (zit. n. per­sön­li­cher Mit­tei­lung von Marc Cluet)
(Histo­ri­sche) Lebens­re­form war auch der Ver­such der Kom­pen­sa­ti­on der geschei­ter­ten Revo­lu­ti­on von 1848 ver­bun­den mit dem Auf­bau die­ser klei­nen, zunächst pri­va­ten Krei­se: “Hier wird deut­lich, wie­viel ent­täusch­te, brach­lie­gen­de poli­ti­sche Ener­gie umge­lei­tet wur­de in den Auf­bau der eige­nen Per­sön­lich­keit um der ‘Idea­li­tät’ wil­len, in den Auf­bau über­schau­ba­rer Wir­kungs­krei­se, deren Ide­al­form der Ver­ein ist …” (Fre­cot / Geist / Kerbs, a.a.O.)

Dem Ursprung nach ist die Lebens­re­form bür­ger­lich, dem “bür­ger­li­chen Jahr­hun­dert” (19. Jhd.) ent­sprun­gen; sie wur­de weit­ge­hend von der bür­ger­li­chen Schicht getra­gen, war jedoch bei wei­tem nicht auf sie begrenzt. “Lebens­re­for­me­ri­sches Den­ken und mehr noch Emp­fin­den war mit unter­schied­lich­sten poli­ti­schen und ideo­lo­gi­schen Posi­tio­nen ver­ein­bar und konn­te daher in diver­gie­ren­de Rich­tun­gen aus­strah­len, in sozia­li­sti­sche, anar­chi­sti­sche und pazi­fi­sti­sche eben­so wie in spi­ri­ti­stisch-okkul­ti­sti­sche und völ­kisch-anti­se­mi­ti­sche. Mit all die­sen Rich­tun­gen hat­te die Lebens­re­form­be­we­gung eine tief­grei­fen­de Unzu­frie­den­heit mit den bestehen­den Ver­hält­nis­sen gemein­sam.” (Janos Fre­cot, in: K. Von­dung: Das wil­hel­mi­ni­sche Bil­dungs­bür­ger­tum, Zur Sozi­al­ge­schich­te sei­ner Ideen, Van­den­hoeck & Ruprecht 1976)

Dem Fokus auf den gesun­den Kör­per ent­spricht ein sol­cher auf die Natur, auf ein natur­na­hes Leben. “Wäh­rend das 18. Jahr­hun­dert Gott durch die Ver­nunft ersetzt, wird nun der Ver­nunft die Natur als gleich­ran­gig an die Sei­te gestellt: d.h. der Instinkt, das Gefühl für das Rich­ti­ge, die Intui­ti­on.” (Fre­cot / Geist / Kerbs, a.a.O.)

Und die­se Intui­ti­on, das Bauch­ge­fühl, ist es, das die Lebens­re­for­mer ihre Kri­tik an den bestehen­den Zustän­den for­mu­lie­ren läßt: an Urba­ni­sie­rung und Indu­stria­li­sie­rung, an Kapi­ta­lis­mus wie Kom­mu­nis­mus, an Mate­ria­lis­mus und Mas­sen­ge­sell­schaft. Man muß sich ver­ge­gen­wär­ti­gen, daß Deutsch­land um 1900 vom Aus­wan­de­rungs­land (v.a. USA) zu einem Ein­wan­de­rungs­land wur­de, wenn man ins­be­son­de­re an den Zuzug aus Polen (bzw. den deut­schen Ost­ge­bie­ten) z.B. ins Ruhr­ge­biet denkt. Bal­lungs­räu­me wie Ber­lin ent­stan­den: Men­schen­mas­sen erfor­der­ten Mas­sen­par­tei­en, Mas­sen­po­li­tik. Der Lärm der Groß­städ­te mach­te die Men­schen “ner­vös”, “Ner­vo­si­tät” wur­de zur Volks­krank­heit — die soge­nann­te “Moder­ne” konn­te durch­aus als men­schen­feind­li­cher Moloch emp­fun­den wer­den. “Kör­per, Geist und See­le gal­ten glei­cher­ma­ßen als trau­ma­ti­siert, und um den Men­schen in die­sem har­mo­ni­schen Drei­klang wie­der­her­zu­stel­len, wur­de eine Rück­kehr zur Natur als All­heil­mit­tel geprie­sen.” (Wolf­gang R. Krab­be, in: Kerbs / Reulecke, a.a.O.)
Der Lebens­re­for­mer Schlickey­sen sah es so, “daß das rein phy­si­sche Wohl­be­fin­den des Men­schen im all­ge­mei­nen durch die Fort­schrit­te der Kul­tur nur bei sehr weni­gen Bevor­zug­ten eine Bes­se­rung erfah­ren habe. Die gro­ße Mehr­zahl der Men­schen lebt gequäl­ter, sor­gen­vol­ler und unge­sun­der jetzt — als vor Jahr­tau­sen­den.” (Schlickey­sen, Gustav: Obst und Brot. Frei­burg i.Br. 1921)

Neben der Natur­heil­kun­de bil­de­te die Frei­kör­per­kul­tur — all­ge­mein: die Kör­per­kul­tur — eine wich­ti­ge Säu­le der Lebens­re­form. Sie war medi­zi­nisch-hygie­nisch moti­viert, es gab auch sitt­li­che und ästhe­ti­sche Aspek­te, letzt­lich auch ras­sen­be­wuß­te (im Sin­ne des Auf­hal­tens des so ver­stan­de­nen Ver­falls der “Volks­kraft”). Unter dem Mot­to “schön sein kann nur ein gesun­der Kör­per” bil­de­ten sich neue, nack­te For­men der Lei­bes­er­zie­hung. Beach­tens­wert ist hier, daß sich die Ein­stel­lung zu Nackt­heit und Sexua­li­tät änder­te: “Mit Unge­wit­ter wird die Sexu­al­feind­lich­keit als Lust­feind­lich­keit zum Theo­rem der Frei­kör­per­kul­tur­be­we­gung. Pudor moch­te den Koitus als Lust­erleb­nis, als nahe­stes Umar­men der Natur, im ‘Jauch­zen der Zukunft’ nicht mis­sen. Nun aber wer­den Ero­tik und Sexua­li­tät als groß­städ­ti­sche Ent­ar­tun­gen des Zeu­gungs­trie­bes ver­teu­felt und bekämpft.” (Fre­cot / Geist / Kerbs, a.a.O.)

In Abwen­dung von Mate­ria­lis­mus, Auf­klä­rung und her­kömm­li­cher Natur­wis­sen­schaft for­mier­ten sich ver­schie­de­ne welt­an­schau­li­che Grup­pie­run­gen, denen von Kri­ti­kern bei­spiels­wei­se Natur­schwär­me­rei sowie Rück­zug in eine para-reli­giö­se Inner­lich­keit vor­ge­wor­fen wur­de. “Lebens­re­form” konn­te zu einer heils­brin­gen­den Ersatz­re­li­gi­on über­höht wer­den.  In die­sem Sin­ne sei­en erwähnt: der Moni­sten­bund (Ernst Haeckel), Theo- und Anthro­po­so­phie (Rudolf Stei­ner), Ario­so­phie und völ­ki­sche Reli­gio­si­tät (Lanz von Lie­ben­fels, Mitt­gart-Bund), auch Spi­ri­tis­mus und Okkul­tis­mus erleb­ten eine Blü­te­zeit. Zur Lebens­re­form kam man häu­fig auf­grund eige­ner Krank­heits- und Lei­dens­ge­schich­te, was die Autoren Fre­cot / Geist / Kerbs dazu ver­lei­tet, die lebens­re­for­me­ri­schen Berei­che als “Sam­mel­plät­ze der Son­der­lin­ge” zu bezeich­nen. Die­se ‘Son­der­lin­ge’ gin­gen mit mis­sio­na­ri­schem Eifer dar­an, ihre Mit­men­schen vom rich­ti­gen und guten Leben zu über­zeu­gen (z.B. Wan­der­pre­di­ger­tum).

Die vor­ge­nann­ten Autoren rech­nen neben der Natur­heil­kun­de und der Frei­kör­per­kul­tur die Ernäh­rungs­re­form (inkl. Vege­ta­ris­mus) sowie die Sied­lungs­be­we­gung zur Lebens­re­form im enge­ren Sin­ne. Das sieht auch Wede­mey­er-Kol­we in sei­ner Ein­füh­rung so (Wede­mey­er-Kol­we: Auf­bruch. Die Lebens­re­form in Deutsch­land, Darm­stadt 2017).
Janos Fre­cot (in: Von­dung, a.a.O.) spricht von drei Peri­oden der Lebens­re­form: Dem Beginn mit der Natur­heil­kun­de­be­we­gung (v.a. medi­zi­nisch-hygie­ni­sche Aspek­te), dem Über­gang zu Boden- und Wirt­schafts­re­form sowie Sied­lungs­ge­nos­sen­schaf­ten (Grün­dung der Obst­bau­ko­lo­nie Eden 1893) — und dann in einer drit­ten Pha­se die “Ent­deckung der Schön­heit des mensch­li­chen Lebens” (man den­ke an Maler wie (den “Kohl­ra­bi-Apo­stel”) Karl Wil­helm Die­fen­bach, Fidus (Hugo Höp­pe­ner), auch die Schrif­ten Hein­rich Pudors).
Wede­mey­er-Kol­we (a.a.O.) ver­weist dar­auf, daß die grund­le­gen­den Denk­mo­del­le der Lebens­re­form bis 1914 aus­ge­bil­det waren, wäh­rend nach 1918 eine brei­te Durch­läs­sig­keit in die “Mit­te der Gesell­schaft” und das städ­ti­sche Milieu erfolg­ten, was eine gewis­se Kon­tur­lo­sig­keit der Reform­be­we­gun­gen mit sich brach­te (s. mei­ne Rezen­si­on des Wer­kes).

Hier noch ein­mal eine ver­ein­fa­chen­de, nicht abschlie­ßen­de Auf­li­stung:

  • Natur­heil­kun­de (Hygie­ne, Krank­heits­pro­phy­la­xe, natür­li­che Hei­lung, Abwen­dung von der Schul­me­di­zin, Ent­ste­hung von Kur­an­stal­ten für Licht‑, Luft‑, Son­nen­bä­der, Bewe­gungs­the­ra­pie; man den­ke an Namen wie “Was­ser­dok­tor” Seba­sti­an Kneipp, Johann Schroth, den “Son­nen­dok­tor” Arnold Rik­li usw.)
    Es sei noch ange­merkt, daß Hei­lung nicht im direk­ten kör­per­li­chen Sin­ne gemeint war, son­dern als “Heil” und Erlö­sung von einer ganz­heit­lich ver­stan­de­nen, aber unbe­frie­di­gen­den Exi­stenz. Nach Wolf­gang R. Krab­be (in: Kerbs / Reulecke, a.a.O.) war die Lebens­re­form im Kern eine “säku­la­ri­sier­te gno­stisch-escha­to­lo­gi­sche Erlö­sungs­leh­re”.
  • Sied­lungs­be­we­gung (Stadt­flucht, Gar­ten­stadt- (Hel­ler­au), auch Schre­ber­gar­ten­be­we­gung, Boden- und ggf. Wirt­schafts­re­form / Geld­re­form (Boden als Gemein­ei­gen­tum, kein Han­del mit Boden, Genos­sen­schafts­ge­dan­ke)); Bei­spie­le für die­se Bewe­gung sind die Sied­lun­gen Eden (Obst­bau­ko­lo­nie, Bran­den­burg), Don­ners­hag (Son­tra, Hes­sen), Mon­te Veri­tà (Asco­na).
  • Ernäh­rungs­re­form (Diä­ten, Vege­ta­ris­mus, dazu auch die Absti­nenz­ler­bün­de (kein Alko­hol, Niko­tin, Kof­fe­in), Tier­schutz­be­we­gung, Ent­ste­hung der Reform­wa­ren­häu­ser ab 1900; man den­ke an Namen wie Edu­ard Balt­zer, Adolf Just, Maxi­mi­li­an Oskar Bir­cher-Ben­ner usw.)
  • Natu­ris­mus und Kör­per­kul­tur (Frei­kör­per­kul­tur­be­we­gung, Nackt­sport (z.B. Jør­gen Peter Mül­ler, Bess Men­sen­dieck, Hans Surén), Aus­drucks­tanz, Klei­der­re­form, hier auch Sexu­al­re­form, Frau­en­be­we­gung), Zitat von W. Sta­pel, 1926 (Gri­sko, a.a.O.): “Wer nackt­kul­tür­lich lebt, zieht sich nicht aus kon­kret sach­li­chen, son­dern aus phi­lo­so­phi­schen Grün­den aus.”
  • Reform­päd­ago­gik (Land­er­zie­hungs­hei­me, Volks­hoch­schu­len, hier auch Wan­der­vo­gel­be­we­gung / Frei­deut­sche Jugend u.v.m.)

Die Lebens­re­form erleb­te mit der Ära des Natio­nal­so­zia­lis­mus einen Ein­schnitt, da vie­le Grup­pen (v.a. aus dem Frei­kör­per­kul­tur­be­reich) ver­bo­ten, ande­re in den NS-Macht­ap­pa­rat assi­mi­liert wur­den. Man­che der histo­ri­schen Berei­che sind heu­te noch aktu­ell, z.B. die vege­ta­ri­sche (aktu­ell vega­ne) Ernäh­rung, FKK, Tier- und Umwelt­schutz, ande­re sind höch­stens noch am Ran­de exi­stent, z.B. völ­kisch-reli­giö­se Strö­mun­gen, Sied­lungs­be­we­gung, Nackt­sport. Stu­den­ten­re­vol­te, die 68er-Zeit, die Hip­pies, aber auch die dann ent­ste­hen­de Öko- und Alter­na­tiv­be­we­gung haben vie­le Kon­zep­te der Lebens­re­form auf­ge­grif­fen und wei­ter­ge­führt.

Zum Abschluß noch eine (im Netz gefun­de­ne) Gra­fik zum The­ma, die den Zeit­raum zwei­te Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts umfaßt und die Lebens­re­form noch als einen Begriff unter vie­len zeigt: