Anders leben

Wer anders leben will, oder auch nur dar­über nach­denkt, emp­fin­det eine Unzu­frie­den­heit mit dem Sta­tus Quo. In der letz­ten Zeit den­ke ich oft dar­über nach, was für mich per­sön­lich Lebens­re­form jen­seits ihrer histo­ri­schen Dimen­si­on bedeu­tet. Ein Aspekt ist dabei immer wie­der das „ein­fa­che Leben“, der Kon­sum­ver­zicht.

Ich habe mir dazu auf You­tube zwei Doku­men­tar­fil­me ange­se­hen, in denen alter­na­ti­ves Leben auf unter­schied­li­che Wei­se (mit Über­schnei­dun­gen) umge­setzt wird. Im zwi­schen­zeit­lich (Jan. 2018) gelösch­ten Video “Gutes Leben — ohne Kon­sum?” wer­den zwei Fami­li­en mit Klein­kin­dern por­trä­tiert, die das Leben in einer her­kömm­li­chen Woh­nung oder gar einem gan­zen Haus auf­ge­ge­ben haben: Fami­lie 1 zog in eine Jur­te, Fami­lie 2 bau­te sich selbst ein soge­nann­tes „Tiny Hou­se“ – bei­des Wohn­mög­lich­kei­ten mit nur einem Raum und weni­gen Qua­drat­me­tern Wohn­flä­che. Dabei zieht Fami­lie 2 das aus mei­ner Sicht bes­se­re Los, indem sie Anschluß an ein alter­na­ti­ves Wohn­pro­jekt fin­det, wäh­rend die erste­re den ursprüng­li­chen Guts­hof ver­las­sen muß und auf einem Cam­ping­platz als Dau­er­cam­per (mit Jur­te) „lan­det“. Hier, wie auch im zwei­ten Film schaue ich mit Bauch­grum­meln auf die Kin­der, die den Lebens­idea­len ihrer Eltern „aus­ge­lie­fert“ sind (die Toch­ter der Fami­lie auf dem Cam­ping­platz: “Im Som­mer kom­men dann die Kin­der.”). Die bei­den Fami­li­en im Film haben noch kei­ne schul­pflich­ti­gen Kin­der, aber ich kann mir gut vor­stel­len, daß die­se Kin­der ähn­li­che Fremd­kör­per in der Schu­le sein wer­den wie die Kin­der der Sann­y­a­sin-Grup­pe in der Komö­die „Som­mer in Oran­ge“. Letzt­lich brau­che ich nur auf mei­ne eige­nen Kin­der und unse­re Ver­su­che in alter­na­ti­ver Reli­gi­on zu schau­en: ich bin für mich in ein ande­res Fahr­was­ser abge­bo­gen, aber für die Kin­der war dies schwie­rig. Das Fun­da­ment aus Ritua­len und Gemein­schaft fiel plötz­lich weg… Doch mit den gestern erhal­te­nen Ethi­kno­ten (bei­de “sehr gut”) haben wir als Eltern wohl nicht alles falsch gemacht… 😉

Soll auch hei­ßen: “anders leben” als per­ma­nen­tes Ver­las­sen des Ortes, an dem ich jetzt lebe, ist für mich kei­ne Opti­on (mehr).
(Da kommt natür­lich noch die Dimen­si­on des Geld­ver­die­nens hin­zu, denn das, was ein für mich ange­neh­mer Lebens­stan­dard ist, kann ich nur durch mei­ne Arbeit auf­recht­erhal­ten. Soll auch hei­ßen: die­ser erste Film hat Gesell­schafts­aus­stieg zum The­ma, was aber nicht unbe­dingt auch lebens­re­for­me­risch sein muß, denn ohne die eige­nen Idea­le, die eige­ne Refor­ma­ti­on auch in ihren / ihrer gesell­schaft­li­chen Rele­vanz wahr­zu­neh­men, kann es kei­ne im histo­ri­schen Sin­ne lebens­re­for­me­ri­sche Pra­xis geben. Bei­de Fami­li­en in die­sem Film gehen Son­der­we­ge, neh­men von der Gesell­schaft, was noch paßt (Kin­der­geld …), ste­hen anson­sten aber außer­halb.)

“Weni­ger ist mehr — vom Trend, mit nichts glück­lich zu sein”  befaßt sich eher mit dem The­ma Besitz unter dem Aspekt der sehr erfolg­rei­chen „Simplify-your-Life“-Bewegung. Ich ver­fol­ge schon län­ger das Blog Ein­fass­Be­wusst von Chri­stoph, auch wenn ich mit dem vega­nen The­ma wenig anfan­gen kann (Über­schnei­dungs­punk­te sind Alpen­über­que­rung / Pil­gern).
Die­se Form von Kon­sum­ver­zicht ist für mich sehr attrak­tiv. Ganz kon­kret bin ich damit in Berüh­rung gekom­men, als ich mich auf den Jakobs­weg vor­be­rei­te­te. Letzt­lich hat­te ich eine Aus­rü­stung zusam­men­ge­stellt, die mit unter 12kg Gesamt­ge­wicht alles beinhal­te­te, um ca. 6 Wochen leben zu kön­nen. Ich habe eben mal schnell nach­ge­zählt: das sind unge­fähr 100 Gegen­stän­de auf der Pack­li­ste — je nach Zäh­lung. Nach der Rück­kehr vom Cami­no hat­te ich ganz mas­siv das Gefühl, in ein Haus zu kom­men, das viel zu viel Gerüm­pel ent­hält. Ich räum­te auf, warf ganz bewußt nicht mehr benö­tig­tes weg. Auf dem Pil­ger­fo­rum letz­ten Som­mer erzähl­te ich davon und eine Frau gestand, ihr sei es genau­so ergan­gen, aber sie habe dar­über noch nicht gespro­chen.
Wenn ich mich so im Haus umse­he, dann gehö­ren mir per­sön­lich gar nicht so vie­le Din­ge. Aber ich könn­te doch noch gut redu­zie­ren. Pro­ble­ma­tisch wird dies v.a. bei den Büchern, denn zum einen bin ich biblio­phil und lie­be „greif­ba­re“ Bücher aus Papier, zum ande­ren gibt es vie­le der spe­zi­el­len Titel nicht als Kind­le eBook. Letzt­lich ist ein gefüll­tes Regal auch Lebens­qua­li­tät. Aber ich glau­be, ich wer­de in der näch­sten Zeit ein­mal Raum für Raum durch­ge­hen, mei­nen Besitz erfas­sen und zu schau­en, was ich wirk­lich brau­che. Eigent­lich prak­ti­zie­re ich das schon ganz gut im Rah­men der Klei­dung. Ich bin alles ande­re als Klei­dungs­fe­ti­schist: ich kom­me mit drei Paar Schu­hen und zwei Jeans gut durchs Leben – auch wenn es dann doch ein biß­chen mehr ist. Vor allem möch­te ich kon­se­quen­ter ver­kau­fen, also Din­ge, die nur her­um­ste­hen, wie z.B. ein paar Brett­spie­le, auf Ebay anzu­bie­ten.

Aber was ist das Ziel? Ich bin heu­te mor­gen neben­bei dar­auf gesto­ßen, daß dies ein pas­sen­der Begriff ist: Har­mo­nie. Ich wür­de es auch so for­mu­lie­ren: mit sich selbst im Rei­nen sein. Dazu benö­ti­ge ich Klar­heit und die habe ich, wenn ich über­schau­ba­re Ver­hält­nis­se habe. Und Über­schau­bar­keit heißt Reduk­ti­on des Zu-Vie­len.
Der Har­mo­nie-Begriff wird von Marc Cluet auf­ge­grif­fen im Vor­wort zu “Lebens­re­form” — Die sozia­le Dyna­mik der poli­ti­schen Ohn­macht (Tübin­gen, 2013) und im Rück­griff auf Wal­ter R. Spron­del, der von der Har­mo­nie als “eigent­li­chem Heils­ziel” (der Lebens­re­form­be­we­gung) schrieb. Über­tra­gen auf den kon­kre­ten All­tag: Soviel Gerüm­pel, sovie­le unnüt­ze Din­ge um mich her­um wahr­zu­neh­men, das bedeu­tet Dis­har­mo­nie, die sich auf mein See­len­le­ben aus­wirkt. Räu­me ich im Außen auf, dann räu­me ich auch das Innen auf.
Ich wer­de in den näch­sten Wochen ein­mal mei­nen Besitz durch­ge­hen, Raum für Raum, Listen von dem machen, was wich­tig ist, ande­res direkt ver­kau­fen oder weg­wer­fen, sofern es nicht mehr zu gebrau­chen ist. Davon berich­te ich dann spä­ter … 🙂

Ähnliche Beiträge

  • Postkarten

    Ich schaue ger­ne bei Ebay die Post­kar­ten v.a. zum The­ma Wan­der­vo­gel­zeit durch; eben­so habe ich einen Fil­ter auf “Fidus” gesetzt. Nach­dem sich ein paar Kar­ten ange­sam­melt hat­ten, habe ich mir ein Album besorgt, wor­in ich sie auf­be­wah­ren kann. Hier noch ein paar Impres­sio­nen:

  • Naked at Lunch (Buch)

    Der Schrift­stel­ler und Jour­na­list Mark Has­kell Smith hat sich nach einem inve­sti­ga­ti­ven Aus­flug in die Welt der Mari­hua­­na-Anpflan­­zer nun zu den Nack­ten bege­ben und dar­aus sein Buch “Naked at Lunch” gemacht, des­sen deut­scher Unter­ti­tel recht platt kon­sta­tiert: “Ein Nackt­for­scher in der Welt der Nudi­sten” — nun ja, soll­te er ins Goril­­la-Gehe­­ge gehen? (Ori­gi­na­ler Unter­ti­tel paßt…

  • Wie der Camel Toe die Männer das Fürchten lehren soll

    Es ist Som­­mer­­loch-Zeit und das Feuil­le­ton der NZZ befaßt sich mit der “Vagi­na den­ta­ta”, die jetzt Rea­li­tät gewor­den sei, wie es heißt. Und ich dach­te schon, Vul­ven­ma­len auf dem Kir­chen­tag sei qua­si das Ende der Fah­nen­stan­ge. Nun ja, es ist harm­lo­ser als gedacht, denn die Zäh­ne sind eher Zehen: Kamel­ze­hen oder auch “camel toe” genannt.…

  • FKK / Nacktbaden in Dänemark

    Machen wir also eine klei­ne Bestands­auf­nah­me, bevor es im Som­mer nach West­jüt­land in die Feri­en geht. Nackt­ba­den sei in Däne­mark so weit ver­brei­tet, kann man lesen, daß mitt­ler­wei­le rei­ne Tex­til­strän­de aus­ge­wie­sen wer­den müs­sen. Aber Däne­mark sei qua­si Spät­star­ter gewe­sen, 1956 sei der däni­sche Natu­ri­sten­ver­band gegrün­det wor­den, dann habe es sich jedoch 13 Jah­re hin­ge­zo­gen, bis…

  • Koversada — Große Liebe zu einer kleinen Insel

    Das im Bei­trag Koversada genann­te Heft von Hajo Simm­ler habe ich mir nun anti­qua­risch besorgt. Erschie­nen ist es wohl 1966, einer ande­ren Anga­be zufol­ge 1969, zumin­dest fndet sich kei­ne Jah­res­an­ga­be im Heft, das aber einen Urlaub im Jahr 1965 the­ma­ti­siert. Auf­ge­baut ist das 48 Sei­ten dün­ne Heft aus dem Richard-Danehl-Ver­­lag, das sei­ner­zeit für 4,50DM ver­kauft…

  • Die Frau am Meer

    … Eine lan­ge Nacht über die Male­rin Cla­ra Arn­heim. Die Frau am Meer — Eine Lan­ge Nacht über die Male­rin Cla­ra Arn­heim | Lan­ge Nacht | Deutsch­land­ra­dio Kul­tur. Den “Mal­wei­bern”, spe­zi­ell Cla­ra Arn­heim, war eine “lan­ge Nacht” beim Deutsch­land­ra­dio gewid­met. Arn­heim zog es immer wie­der auf die Insel Hid­den­see zum Malen, sie stell­te mit ande­ren…

3 Kommentare

  1. Herz­li­chen Dank für das Echo.
    Hier ein schö­nes Zitat von Ida Hof­mann (Mon­te Veri­tà), das die The­se bekräf­tigt, dass “Har­mo­nie” der Schlüs­sel­be­griff der Lebens­re­form war bzw. ist:
    “Wer­det und schaf­fet ‘Men­schen’ im wah­ren Sin­ne des Wor­tes – Men­schen höhe­rer Lebens­art und Gesin­nung, und wie ein Glied einer Ket­te sich an das ande­re fügt, sol­che Wir­kung nur sol­che Ursa­che hat, so schaf­fet Ihr Har­mo­nie im Gan­zen, wenn Ihr Har­mo­nie im Ein­zel­nem schafft.”
    Ich brin­ge das Zitat in einem Vor­trag, den ich am 26. Juni in Paris hal­ten wer­de,
    und zwar im Rah­men des 1. fran­zö­si­schen Kol­lo­qui­ums zum The­ma “Mon­te Veri­tà”.
    Sind Sie inter­es­siert, schicke ich gern das Pro­gramm,
    sobald es end­gül­tig fest­steht. (In Bäl­de.)
    Dan­ke für Ihre Arbeit + Herz­li­che Grü­sse aus Paris,
    Marc Cluet

    1. Lie­ber Herr Cluet,
      vie­len Dank für Ihre Rück­mel­dung und das schö­ne Zitat von Ida Hof­mann, das sehr gut in mei­nen klei­nen Ein­füh­rungs­text über die Lebens­re­form paßt. Das Kol­lo­qui­um inter­es­siert mich — nicht im Sin­ne per­sön­li­cher Teil­nah­me, son­dern im Sin­ne eines Über­blicks, wel­che The­men behan­delt wer­den. Ich kann auch ger­ne hier in mei­nem Blog auf das Kol­lo­qui­um hin­wei­sen, sofern es für die Öffent­lich­keit zugäng­lich ist.
      Vie­le Grü­ße
      Vol­ker Wag­ner

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert