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Weltumseglung oder Segelflaute?

Welt­um­seg­lung! Das Wort allein ver­weist auf die Grö­ße des Daseins, auf Aben­teu­er fast jen­seits des Vor­stell­ba­ren.
Drei jun­ge Leu­te wol­len dies zwi­schen Aus­bil­dung und „Malo­chen gehen“ rea­li­sie­ren: mit einer Segel­yacht ein­mal um die Welt.
So kauf­ten sich Leo­nie, Thi­lo und Jonas ein schon recht ange­schla­ge­nes Schiff in den Nie­der­lan­den, für das sie 20000€ hin­le­gen muß­ten. Mit wei­te­ren 10k wur­de es soweit in Eigen­lei­stung „re-fit­ted“, daß man nach Segel­ver­su­chen in der Nord­see zum gro­ßen Törn star­te­te.

Leo­nie und Thi­lo sind ein Paar, Jonas das sprich­wört­li­che „fünf­te, hier: drit­te Rad“, aber lang­jäh­ri­ger Freund von Thi­lo. Füh­rer­schei­ne fürs Boot hat wohl nur Leo­nie.

Von den Nie­der­lan­den aus ging es an der Küste Frank­reichs ent­lang, ein­mal quer durch die Bis­ca­ya nach Spa­ni­en, wei­ter an der Atlan­tik­kü­ste nach Por­tu­gal, von dort zu den Kana­ren, dann Abste­cher zu den Kap­ver­den und über den Umweg Kana­ren wei­ter nach Bra­si­li­en. Man kann den Drei­en auf You­Tube, Insta­gram oder im Blog fol­gen.

Was mir von Anfang an auf­fiel, war das Feh­len jeg­li­cher Nähe zwi­schen Leo­nie und Thi­lo. Mag sein, daß es abge­spro­chen war im Sin­ne der gewünsch­ten Video-Prä­sen­ta­ti­on, mag sein, daß die bei­den (zumin­dest vor der Kame­ra) eher Segel­team als Paar sind. In einem Video heißt es, die bei­den wür­den nicht stän­dig ihr “Pär­chen-Ding” raus­hän­gen las­sen. War es Jonas, der das sag­te? Die Fans frag­ten auf jeden Fall nach dem Bezie­hungs­sta­tus. Die erste „Wackel­kom­po­nen­te“, so will ich mei­ne Beden­ken mal nen­nen, ist also die­ses unaus­ge­gli­che­ne Set­ting. Glaub­ten die Drei wirk­lich, in die­ser Kon­stel­la­ti­on kön­ne man mal eben auf engem Raum drei Jah­re um die Welt segeln?

Zwei­te Wackel­kom­po­nen­te ist die Per­sön­lich­keit der bei­den Jungs. Jonas nervt(e) mich schon als Zuschau­er mit den immer wie­der ein­ge­streu­ten nega­ti­ven Kom­men­ta­ren à la „muß­te ja schief­ge­hen“ und sei­ner oft sehr lau­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on. Es wird nicht gezeigt, aber ich stel­le ihn mir durch­aus impul­siv und mög­li­cher­wei­se auch mal auf­brau­send vor. Er ist der “Mah­ner und Mecke­rer” im Team. (Nach­trag: Beim Kor­rek­tur­le­sen fällt mir gera­de auf, daß das sehr nega­tiv klingt, aber er ist von der Per­sön­lich­keit her nicht ‘mein Typ’) Thi­lo müß­te ihn begren­zen bzw. Ant­ago­nist sein, aber er wirkt eher ruhig bis pas­siv, manch­mal fast schon außer­halb des Teams ste­hend. Ich den­ke da spe­zi­ell an die Aus­sa­ge, war­um man denn — nach Mona­ten in Bra­si­li­en — nun nach Hau­se flie­gen müs­se. Er wol­le segeln und flie­ge nur wegen den ande­ren bei­den mit.

Drit­te Wackel­kom­po­nen­te ist der aus mei­ner Sicht man­geln­de Fokus. Die bei­den ersten Kom­po­nen­ten hät­ten den drei Prot­ago­ni­sten irgend­wann zei­gen müs­sen, daß es not­wen­dig ist, „dran­zu­blei­ben“, das Ziel vor Augen zu behal­ten und sich zu pushen.
Was aber pas­siert ist: das Unter­neh­men hat in Bra­si­li­en sein Momen­tum ver­lo­ren. Die waren viel zu lan­ge (trotz Coro­na-Pro­ble­men) vor Ort. Man kann nicht auf der einen Sei­te die Welt umse­geln wol­len, ande­rer­seits die Leu­te und Kul­tu­ren vor Ort im Detail stu­die­ren. Ande­re Welt­um­seg­ler haben es vor­ge­macht: man muß sein Ziel ver­fol­gen und hart­näckig sein. Zurück­kom­men zu den schö­nen Spots kann man immer noch.

Mög­li­cher­wei­se hat sich die­se drit­te Kom­po­nen­te schon auf den Kana­ren gezeigt, als Leo­nie beschloß, zur Schwe­ster nach Hau­se zu flie­gen, die ein Baby bekom­men hat­te. Spä­ter der Solo-Abste­cher nach Bar­ce­lo­na.
Ent­we­der ich mache eine WELT­UM­SEG­LUNG, oder ich hal­te die engen Ban­de nach Hau­se, was mich unfrei macht, den Fokus ver­lie­ren läßt.

Man könn­te als vier­te Wackel­kom­po­nen­te den Zustand des Schif­fes bezeich­nen, die stän­dig not­wen­di­gen Repa­ra­tu­ren, bis hin zum im Fuß gebro­che­nen Mast.
Aber erst recht wird die­se vier­te Kom­po­nen­te deut­lich, als man sich ent­schloß, die Welt­um­seg­lung zu pau­sie­ren und nach Mona­ten in Bra­si­li­en nach Hau­se zu flie­gen. Jetzt rot­te­te das Schiff noch mehr vor sich hin — so ein Unsinn.

Es wur­de dann das „vier­te Team­mit­glied“ vor­ge­stellt, eine Frau, die sagt, sie habe Jonas, dann die ande­ren bei­den „ken­nen­ge­lernt“ und nun sei sie “dabei”. Wie­der ein­mal das Her­um­ge­eie­re um das The­ma Bezie­hung: Ja, sie ist mit Jonas zusam­men, nein, es wird nicht gesagt. Auch zu viert — als zwei Pär­chen — sieht man dann kei­nen Kör­per­kon­takt, kei­ne Umar­mun­gen beim Strand­spa­zier­gang vor Son­nen­un­ter­gang — das Gefil­me bleibt selt­sam distan­ziert. Dabei sind Jonas und Hele­na ja wohl gera­de frisch ver­liebt… oder nicht?
Aus kur­zen Äuße­run­gen und den Blog-Posts kann man her­aus­le­sen, daß der gesuch­te Aus­gleich mit Hele­na nicht klappt.
Aktu­ell, da ich das hier schrei­be, ist als neue­stes Video das online, in dem Thi­lo und Leo­nie kurz berich­ten, sie sei­en nur noch zu zweit. Jonas sei nach Hau­se geflo­gen, Hele­na sei ihm eini­ge Tage spä­ter gefolgt. Bezie­hungs­en­de auf meh­re­ren Ebe­nen…

Was sagt das nun über so ein Unter­neh­men „Welt­um­seg­lung“?
Ich möch­te noch einen Punkt hin­zu­neh­men, den ich nicht unbe­dingt als „Wackel­kom­po­nen­te“ bezeich­nen möch­te, der mir aber her­vor­sticht: die wenig pro­fes­sio­nel­le, impul­siv-jugend­li­che, auch “fun-ori­en­tier­te”  Her­an­ge­hens­wei­se an vie­le Din­ge, allen vor­an als Bei­spiel das Breithorn-„Bergsteiger“-Video, das mas­siv Kri­tik geern­tet hat.
Kurz wird mal in einem Q&A erwähnt, daß es da ein beglei­ten­des WDR-Team gab, von dem man als Zuschau­er nichts mit­be­kom­men hat, das auf­grund von Sicher­heits­be­den­ken vor der Atlan­tik­über­que­rung abge­sprun­gen sei. Auch die Segel­vi­de­os ern­ten ab und an kri­ti­sche Kom­men­ta­re zum The­ma Sicher­heit und Know­ledge. Aber das wäre an und für sich nicht schlimm: man darf ja Wag­nis­se ein­ge­hen und sein Leben ris­kie­ren. Unaus­ge­go­ren wird es, wenn so eine jugend­lich-über­schie­ßen­de, wenig reflek­tier­te Atti­tü­de mit WELT­UM­SEG­LUNG gepaart wer­den soll. Heißt: das Boot ist da, Know­ledge fürs Segeln bei stän­di­gem Lern­pro­zeß auch, aber was fehlt ist der gemein­sa­me, star­ke Team-Wil­le für die Welt­um­seg­lung.
Mit der Aus­sa­ge will ich in kei­ner Wei­se die bis­her gelei­ste­ten Din­ge wie die Atlan­tik­über­que­rung und vor allem all die kom­pli­zier­ten Repa­ra­tu­ren am Boot schmä­lern! Die Drei (Zwei) krie­gen sich in der Hin­sicht sor­tiert — und ich habe mit vie­len Vide­os genia­le Unter­hal­tung erlebt.

Es wirkt auf mich als Zuschau­er den­noch vie­les undurch­dacht. Da wird ein Mer­chan­di­sing auf­ge­zo­gen, man läßt sich via Patre­on unter­stüt­zen, aber wäh­rend das Haupt­schiff vor Anker vor sich hin gam­melt, legt man sich „auf Deutsch­land­ur­laub“ einen klei­nen Kata­ma­ran zu „Fun-Zwecken“ zu. Das möch­te ich als Zuschau­er nicht finan­zie­ren.

Manch­mal kam mir beim Zuschau­en der Gedan­ke, den Drei­en hät­ten fünf oder mehr Lebens­jah­re zusätz­lich, viel­leicht ein paar Jah­re im Berufs­le­ben gut­ge­tan. Ich könn­te mir vor­stel­len, daß man dann fokus­sier­ter an so ein Unter­neh­men her­an­geht. Man kann ja auch so eine Welt­um­seg­lung nicht deh­nen, wie man will, wenn man gera­de erst Aus­bil­dung oder Stu­di­um fer­tig hat. Wel­cher Arbeit­ge­ber stellt jeman­den ein, der nur die Aus­bil­dung vor­zu­wei­sen hat, dann fünf Jah­re „Dro­pout“ und ohne jeg­li­che Erfah­rung den Ein­stieg in einen 9–5 Job fin­den will.

Ich will nicht unken, aber mit dem Aus­stieg Jonas‘ sieht es schlecht ums Pro­jekt aus. Thi­lo und Leo­nie müß­ten nun extrem fokus­siert vor­ge­hen und auch allein, d.h. zu zweit, eine Pazi­fik­über­que­rung wagen. Kann ich mir nicht vor­stel­len — zumal die bei­den sich in Suri­nam in den glei­chen Mustern bewe­gen.

Ich wage mal so eine Art frü­hes Fazit: Mit der Ankunft in Bra­si­li­en im Früh­jahr 2021 war die „Welt­um­seg­lung“ eigent­lich schon been­det, also so eine Art Down­gra­de auf Atlan­tik­über­que­rung.

Und ja, ich las­se mich gern über­zeu­gen, daß die Zwei das wirk­lich schaf­fen. Ab Aus­fahrt Pana­ma­ka­nal wer­de ich dann Patre­on — ver­spro­chen! 🙂

 

Nach­trag 19.4.22: Die letz­ten Vide­os zei­gen, daß eine Welt­um­seg­lung im Sin­ne des Wor­tes — oder in dem Sin­ne, den es in mir her­vor­ruft, kei­ne Agen­da der Ver­blei­ben­den ist. Für mich wer­den die Vide­os à la “Unse­re drei Tage im Dschun­gel” zuse­hends unat­trak­ti­ver. Immer wie­der glau­be ich, v.a. bei Leo­nie zu spü­ren, daß sie sich nicht von zuhau­se ablö­sen kann. Aktu­ell segelt man zu einem “Tref­fen mit Mut­ti auf Mar­ti­ni­que” weit nach Nor­den, um dann wie­der vor der “Hur­ri­ca­ne Sea­son” nach Süden aus­wei­chen zu müs­sen.
Ich gebe zu, ich war von Anfang an fas­zi­niert von die­sem Gedan­ken an die “klas­si­sche Welt­um­seg­lung”, also ein fokus­sier­tes Aben­teu­er, um in andert­halb oder zwei Jah­ren wirk­lich auch “um die Welt” zu kom­men, die auch durch das Anfangs­trio gut zu machen gewe­sen wäre. Das beein­flußt mei­ne Sicht­wei­se auf das “Her­um­tuckern”, das ich gera­de erle­be.

Nach­trag 17.8.22: In einem Video, das einen typi­schen Tages­ab­lauf schil­dert, sagt Leo­nie nun, das Segeln sei der “Beruf” der bei­den gewor­den. Damit wird klar, daß Genuß­se­geln mit exter­ner Finan­zie­rung das Ziel ist, kei­ne klas­si­sche Welt­um­seg­lung und Rück­kehr in einen “nor­ma­len All­tag”. Nun gut, dann ist es ja auch mal gesagt.
Ja, ich schaue die Vide­os der bei­den immer noch ger­ne und regel­mä­ßig, aber jetzt ist mir auch klar, was ich künf­tig zu erwar­ten habe. Vide­os wie “Auf Vul­kan fast ver­dur­stet” kann ich ja auch aus­las­sen. Grü­ße in die Kari­bik! 😉

Nach­trag 22.8.22: Oha, die Erkun­dung Gre­na­das zu viert ist als letz­tes Video online, aber L+T sind offen­bar in einer Art neu­em Tiny Hou­se in Deutsch­land, was man nur über Insta­gram erfährt. Neh­me hier­mit mei­ne Aus­sa­ge, ab Aus­fahrt Pana­ma­ka­nal wer­de ich Patre­on zurück. Das ist mir alles zu ziel­los und inkon­gru­ent.

Nach­trag 21.10.22: Mit der Aus­sa­ge “Wir müs­sen nach Hau­se” hat man das Boot in der Kari­bik an Land gebracht und ist in einen Bau­wa­gen in D umge­sie­delt. Es folg­ten fla­che, unaus­ge­go­re­ne Aus­sa­gen dazu, daß man ja auch ande­re Din­ge als Segeln machen wol­le; daß das Segeln ja wei­ter­gin­ge; daß man nun Weih­nach­ten in der Hei­mat mit­neh­men möch­te usw. Leo­nie sitzt im Bau­wa­gen, Thi­lo macht pan-euro­päi­schen Adven­ture-Sport, um… ja, wozu? Um Druck abzu­las­sen? Um sich spü­ren zu kön­nen? Wäre ich Psy­cho­lo­ge, ich hät­te Spaß mit den bei­den. LOL

Nach­trag 17.10.23: Zwi­schen­zeit­lich ist klar, daß Segeln nur ein Aspekt ist, wie das Paar sich als “Influen­cer” in den sozia­len Medi­en prä­sen­tiert. Von daher ist die­ser Arti­kel ‘out­da­ted’, weil ich ursprüng­lich davon aus­ge­gan­gen bin, da rei­sen drei jun­ge Leu­te um die Welt, danach keh­ren sie in ein ’nor­ma­les’ Berufs- und All­tags­le­ben zurück. Aber Thi­lo und Leo­nie gehen einen Weg — wie ande­re, durch­aus erfolg­rei­che Influen­cer-Pär­chen, die ich v.a. aus dem Segel­be­reich ken­ne. Nun gut, dann ist das mal klar. Aktu­el­ler Stand ist auch, daß es mit dem Schiff nicht in den Pazi­fik geht: es sei zu alt, zu maro­de, zu lang­sam. Man will nun also die ame­ri­ka­ni­sche Ost­kü­ste hoch­se­geln, dann zurück über den Atlan­tik, um das Boot ggf. in den Nie­der­lan­den ver­kau­fen zu kön­nen. Mit neu­em, bes­se­rem Gefährt soll es dann wie­der in die Kari­bik und letzt­lich durch den Pana­ma­ka­nal gehen.
Aus dem Aben­teu­er “3 Jah­re Welt­um­seg­lung” ist eine Dau­er­tä­tig­keit als Influen­cer-Paar gewor­den — mit Mer­chan­di­sing, Wer­be­part­ner­schaf­ten, Meet-and-Greet-Tref­fen usw. Nach wie vor habe ich den Ein­druck, v.a. Leo­nie kann sich nicht von Fami­lie und Freun­den für län­ge­re Zeit ablö­sen, die aber nötig wäre, um eine Welt­um­seg­lung zu machen. Mit der jet­zi­gen Ent­schei­dung US-Ost­kü­ste und Kana­da bleibt man immer in Reich­wei­te des schnel­len Heim­flugs zum Bau­wa­gen. Dafür erle­be ich Thi­lo eher so, daß er kür­ze­re Zei­ten in D ver­brin­gen möch­te. Im letz­ten Q&A sag­te er sinn­ge­mäß, er wäre jetzt lie­ber auf dem Schiff, um ‘con­tent’ zu machen.
Klar, ich schaue den Kanal wei­ter, aber mit ‘Bau­wa­gen’- und ‘Atlantik’-Content ist er für mich nicht mehr so attrak­tiv.

Nach­trag April 2025: Frau Maß­mann hat ein Buch über die bis­he­ri­gen Ver­su­che der “Welt­um­seg­lung” geschrie­ben, das ich auf Ama­zon hier rezen­siert habe: Ein Oze­an vol­ler Heim­weh.

 

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