Neue Bücher (5)

Neue Bücher sind ein­ge­trof­fen, dazu eine eng­be­schrie­be­ne Post­kar­te aus dem Jahr 1924 mit dem Fidus-Motiv “Beich­te”. In klein­ster Schrift mit fei­nem Feder­strich hat da ein Mann (?) geschrie­ben: “Mein lieb­stes Mär­chen bist Du!” Ich muß noch ver­su­chen, wei­te­re Pas­sa­gen des schwer les­ba­ren Tex­tes zu ent­zif­fern.

Dann ist da die Bio­gra­phie von Gustav Land­au­er von Rita Stei­nin­ger, unter­ti­telt “Ein Kämp­fer für Frei­heit und Mensch­lich­keit”. Land­au­er, Ver­tre­ter eines liber­tär-uto­pi­schen Anar­chis­mus hat Zeit sei­nes Leben schwe­re Schick­sals­schlä­ge ein­stecken müs­sen, bis er schluß­end­lich am 1. Mai 1919 in der JVA Gie­sing miß­han­delt und ermor­det wur­de. “Ich habe mehr durch­ge­macht, als mei­nen Jah­ren zukommt, und fast mehr, als ein Mensch ertra­gen kann.” Trotz­dem blieb er Pazi­fist. In die­sem Buch steht der per­sön­li­che Wer­de­gang im Vor­der­grund, nicht das poli­ti­sche Werk. Die Autorin hat prä­zi­se gear­bei­tet und die Fak­ten in einen sehr gut les­ba­ren Stil ver­packt. Wird nicht mein letz­tes Buch von/über Land­au­er.

Dann ein Foto­band von Jean­loup Sieff, den ich schon ein­mal besaß, aber irgend­wo in den letz­ten Deka­den “ver­lo­ren” habe. Ich kam auf Sieff zurück beim Ver­fas­sen der kur­zen Sei­te über die Akt­fo­to­gra­fie. Ich war frü­her von Sieffs Arbei­ten, deren Moti­ve zwi­schen Ele­ganz und Ero­tik pen­del­ten, begei­stert. Er schreibt im Vor­wort: “Alle Dar­stel­lun­gen des mensch­li­chen Kör­pers sind eben­so durch den Voy­eu­ris­mus eines pri­vi­le­gier­ten Augen­blicks geprägt wie durch das unre­flek­tier­te Bedürf­nis, die­sen fest­zu­hal­ten. Jedes Bild sagt uns: ‘Das wird nicht mehr mehr sein’, und zugleich sagt es: ‘Aber es war’.”
Inter­es­sant der Kon­trast zu mei­nen diver­sen Aus­füh­run­gen hier im Blog zu FKK und Ero­tik: Ich glau­be sehr wohl, daß in jedem so ein Stück Voy­eu­ris­mus steckt, auch wenn ich den Begriff als sehr abge­grif­fen emp­fin­de, weil er auch vie­le nega­ti­ve Asso­zia­tio­nen weckt. Man/frau schaut ger­ne hin. Doch im Rah­men der FKK bleibt es beim unauf­dring­li­chen Schau­en und viel­leicht der Freu­de dar­über, welch schö­nen Men­schen man da sehen durf­te. Alle die­se Augen­blicke wer­den nicht fest­ge­hal­ten — Schön­heit ist ver­gäng­lich oder: in der Ver­gäng­lich­keit liegt die Schön­heit. Das  ent­schie­de­ne “Nicht-fest­hal­ten-Wol­len” ist der Kon­tra­punkt zu Ero­tik und dar­aus auch resul­tie­ren­der Por­no­gra­phie, ist ein klei­ner augen­zwin­kern­der Genuß im Augen­blick. Was ich nicht mag, ist die Ver­knüp­fung von FKK und ero­ti­scher Foto­gra­fie: ent­we­der ich möch­te ero­ti­sche Posen bewußt auf­neh­men — oder ich möch­te stil­vol­le Akt-/FKK-Fotos in der Natur machen.

Zum Schluß ist das das Buch “Obst und Brot” von Gustav Schlickey­sen, einem frü­hen Lebens­re­for­mer, der 1893 in der Fol­ge von Unter­küh­lung durch kal­te Abrei­bun­gen ver­starb. Das Buch, in dem der Autor rei­ne, unge­koch­te Roh­kost­nah­rung emp­fiehlt, wur­de 1875 erst­ma­lig ver­öf­fent­licht. Span­nend fin­de ich die Aus­sa­ge Wede­mey­er-Kol­wes in “Auf­bruch” (2017), daß Schlickey­sen einer “christ­li­chen Reli­gi­on an(gehör­te), die natur­re­li­giö­se Aspek­te beinhal­te­te und die Ein­heit von Mensch und Tier, Natur und Gott for­der­te.” Lei­der habe ich bis heu­te wenig Infos zum The­ma christ­li­cher Grup­pen in der Lebens­re­form fin­den kön­nen, wenn man davon absieht, daß die Bewe­gung als sol­che stark pro­te­stan­tisch geprägt war.

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