The Cathars — Sean Martin (Buch)

Sean Martin - Buch-Cover: The Cathars“It is per­haps the Cathars’ quest for an authen­tic spi­ri­tua­li­ty that makes their sto­ry still rele­vant.”

Mit die­sem Satz von Sean Mar­tin möch­te ich kurz auf das aktu­ell von ihm gele­se­ne Buch “The Cathars — The most suc­cessful here­sy of the Midd­le Ages” ein­ge­hen. Ich hat­te bereits geschrie­ben, daß es mir als gut Ein­füh­rung erscheint, zumal es als Kind­le eBook gün­stig ist.
Ich wur­de nicht ent­täuscht, der Autor gibt einen akku­ra­ten Über­blick über das Phä­no­men Katha­rer. Um das The­ma ein­zu­lei­ten, erklärt er zunächst den Unter­schied zwi­schen Häre­sie, also dem, was die Katha­rer und ande­re von der römisch-katho­li­schen Kir­che abwei­chen­den Grup­pen glaub­ten, und der Ortho­do­xie (der Kir­che). Wenn man über die Katha­rer liest, dann wird meist als erstes und wich­tig­stes Kenn­zei­chen ihres Glau­bens der Dua­lis­mus genannt: Gott wird nicht als Demi­urg gese­hen, son­dern als über dem Wel­ten­schöp­fer, der mit dem Teu­fel asso­zi­iert wird, ste­hend ver­stan­den. Daher ist die Welt, die Mate­rie “böse”, somit auch die Ten­denz des Men­schen, der aus Mate­rie besteht — hät­te er nicht den gött­li­chen Fun­ken in sei­ner See­le, mit­tels des­sen er sich über die Mate­rie, über das Böse erhe­ben kann.
Kurz stellt Mar­tin dar­über hin­aus den Zoro­a­stria­nis­mus vor, die Esse­ner, den Manich­äis­mus und die (katha­ri­sche) Reli­gi­on der Bogu­mi­len im Raum des heu­ti­gen Bul­ga­ri­ens.
Bereits im 11. Jahr­hun­dert wur­den Ket­zer ver­brannt, die man — unter­schieds­los — als “Manich­ä­er” ansah.
Inter­es­san­ter­wei­se tau­chen die ersten so bezeich­ne­ten Katha­rer 1143 in Köln auf, im glei­chen Jahr auch in Bonn. 20 Jah­re spä­ter schreibt Eck­bert, der Abt von Schön­au, “ser­mo­nes con­tra catha­res” für bzw. an den Köl­ner Erz­bi­schof. Im glei­chen Jahr “ent­tarn­te” Katha­rer wer­den wie ihre Vor­gän­ger in Köln ver­brannt.
Am Ende die­ser Ein­füh­rung zu den reli­giö­sen Grund­la­gen beschreibt Mar­tin kurz den Ablauf des Con­so­la­men­tum, des zen­tra­len katha­ri­schen Ritu­als, mit­tels des­sen man vom ein­fa­chen Gläu­bi­gen (croyant) zum sogen­an­ten Per­fek­ten (par­fait) wird. Die per­fec­ti über­nah­men Prie­ster­auf­ga­ben, ernähr­ten sich vege­ta­risch und ohne Alko­hol, ver­zich­te­ten auf Sex und tru­gen kei­ne Waf­fen. Von den per­fec­ti glaub­te man, daß sie nach dem aktu­el­len Leben nicht wie­der­ge­bo­ren wer­den, son­dern daß sich der o.e. gött­li­che Fun­ke wie­der mit der Gott­heit ver­ei­ne. Denn anson­sten glaub­ten die Katha­rer an eine Wie­der­ge­burt.

Die­sem Teil folgt ein umfang­rei­cher geschicht­li­cher, der sowohl den Kreuz­zug gegen die Albi­gen­ser (wie die Katha­rer wegen ihrer Domi­nanz in der Stadt Albi auch genannt wur­den (das sieht Jean Marka­le (Die Katha­rer von Mont­sé­gur) anders, der meint, daß sich der Begriff Albi­gen­ser auf die theo­lo­gi­schen Gesprä­che zwi­schen Kir­che und Katha­rern 1176 in Albi bezie­he), als auch die dar­auf­fol­gen­de Inqui­si­ti­on beschreibt. Papst Inno­zenz III. rief 1209 zum Kreuz­zug, übri­gens der erste Kreuz­zug gegen Chri­sten und Euro­pä­er! Die­ser star­te­te mit dem soge­nann­ten Mas­sa­ker von Béziers. Der Name Simon de Mont­fort ist mit dem Kreuz­zug eng ver­bun­den — er führ­te ihn an. Genau 20 Jah­re wüte­ten die Kreuz­fah­rer und töte­ten tau­sen­de Men­schen — Katha­rer wie Katho­li­ken, weil sie nicht immer von­ein­an­der zu unter­schei­den waren. Des­halb töte­te man “alle”, da Gott schon “die Sei­nen” ken­nen wer­de …

Direkt im Anschluß begann die Inqui­si­ti­on, eine oft von Domi­ni­ka­ner-Mön­chen getra­ge­ne Ver­fol­gung von Glau­bens­ab­weich­lern. Ab 1233 befan­den sich Inqui­si­to­ren in Tou­lou­se, Albi und Car­cas­son­ne. Wie extrem man sich die Inqui­si­ti­on vor­stel­len muß, kann man auch dar­an erken­nen, daß der Ket­ze­rei beschul­dig­te Tote wie­der aus­ge­gra­ben und “nach­träg­lich” ver­brannt wur­den.
Erwähnt wird im Buch auch ein Detail aus mei­ner wei­te­ren Hei­mat: Der Ket­ze­rei wur­de auch der Graf Hein­rich III. von Sayn (hier fälsch­lich Seyn geschrie­ben) bezich­tigt. Er wehr­te sich mit Erfolg dage­gen, was man auf den Geschichts­sei­ten zur Stadt Ben­dorf am Rhein nach­le­sen kann (für 2020 heißt das: konn­te, die Sei­te kann nicht mehr gefun­den wer­den).

Im Zuge der Inqui­si­ti­on kam es auch zur Bela­ge­rung der Pyre­nä­en­fe­stung Mont­sé­gur, die v.a. dadurch bekannt wur­de, daß man­che Autoren in ihr die Grals­burg sehen. Die wie ein Adler­nest auf einem Berg ste­hen­de Anla­ge wur­de 1244 nach Bela­ge­rung auf­ge­ge­ben. Dazu mehr, wenn ich das Buch von Jean Marka­le, Die Katha­rer von Mont­sé­gur, zu Ende gele­sen habe.

Auf die Beschrei­bung die­ser “Kern­zeit” fol­gen sol­che über die Katha­rer in Ita­li­en und Bos­ni­en sowie über ein “katha­ri­sches Revi­val” um den Gra­fen Autier um 1300. Ca. 1000 Katha­rer sol­len es gewe­sen sein, die im Gegen­satz zu frü­he­ren Zei­ten im Unter­grund arbei­te­ten und vor allem das Con­so­la­men­tum als “letz­te Ölung” an Ster­ben­de spen­de­ten. Wer das Con­so­la­men­tum emp­fan­gen hat­te, durf­te nur noch Was­ser zu sich neh­men, das nann­te man Endu­ra.
Mit wel­cher Effi­zi­enz die Inqui­si­to­ren vor­gin­gen, kann man auch dar­an erken­nen, daß am 8.9.1308 alle Ein­woh­ner des Dor­fes Mon­tail­l­ou ver­haf­tet wur­den. Aus ihren Ver­hör­pro­to­kol­len hat Emma­nu­el Le Roy Ladu­rie das Bild des Dor­fes Mon­tail­l­ou ent­wor­fen.

Kurz macht der Autor noch einen Abste­cher zu den eher eso­te­ri­schen The­men: Bei der Bela­ge­rung von Mont­sé­gur soll ein “Katha­rer­schatz” ver­schwun­den sein, in dem man­che den Hei­li­gen Gral sehen. Den Abschluß des Büch­leins bil­den Kurz­vor­stel­lun­gen von neo-katha­ri­schen Autoren: Déo­dat Roché, Mau­rice Mag­re und Arthur Guird­ham. Abge­run­det wird das Werk durch Anga­be wei­ter­füh­ren­der Lite­ra­tur.

Aus mei­ner Sicht eine per­fek­te Kurz­ein­füh­rung in das The­ma: nach­voll­zieh­ba­re Struk­tur, nicht über­la­den mit Details. Allen­falls die Dar­stel­lung der tat­säch­li­chen Reli­gi­on der Katha­rer hät­te aus­führ­li­cher sein kön­nen, denn auch Mar­tin gibt im Grun­de nur das wie­der, was man an vie­len Stel­len lesen kann.

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