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Schweigender Rückzug

“It was not by making yours­elf heard but by stay­ing sane that you car­ri­ed on the human heri­ta­ge.”

Das schrieb Geor­ge Orwell in ‘1984’ — und mein­te es natür­lich anders als ich, obwohl mir gera­de die­ses kur­ze Zitat beim Lesen des Buches Anfang des Jah­res ins Auge sprang. Es schien mich auf den Zwie­spalt bzgl. mei­nes Blogs anzu­spre­chen: das Blog war wie­der off­line and I was­n’t making mys­elf heard any­mo­re. Aber auch das ’stay­ing sane’ fiel mir schwer — irgend­et­was ist seit März 2020 für mich (und vie­le ande­re) ganz anders.
Doch was ist das ‘human heri­ta­ge’, das Erbe der Mensch­heit? Da springt mich eine Dis­so­nanz an: ja, ich kann ’sane’ blei­ben, mich zurück­zie­hen, wie es so vie­le Men­schen in mei­ner direk­ten Umge­bung tun, aber dann wird man auch nicht mehr hören kön­ne, was ich zu sagen habe. Doch wenn wir alle schwei­gen, was macht das mit dem ‘Erbe’? Was macht man dann mit “uns”? Muß man nicht aktiv sein, um Erbe zu leben, und damit eben auch sicht­bar zu leben? Kön­nen nicht nur die Akti­ven defi­nie­ren, was wahr­ge­nom­men wird? (Das zei­gen gera­de die soge­nann­ten ‘Kli­makle­ber’, die mit metho­disch ein­fach­sten Aktio­nen in aller Mun­de sind.)

Die­sen Rück­zug aus dem v.a. poli­ti­schen Bereich des Lebens sehe ich über­all. Viel­leicht gibt mir das heu­te gekauf­te Buch von Pfal­ler, “Erwach­se­nen­spra­che”, Hin­wei­se dar­auf, war­um immer mehr Men­schen ver­stum­men und sich gera­de zu den so hoch­ak­tu­el­len The­men nicht mehr äußern. Man will sich nicht ‘den Mund ver­bren­nen’, will nicht aus­ge­grenzt wer­den usw. Oder man ist sich unsi­cher, was man noch wie sagen darf. Darf ich noch Brie­fe mit ‘Sehr geehr­te Damen und Her­ren’ schrei­ben? Muß ich, wenn ich vor einer Grup­pe spre­che, ‘Wander*innen’ sagen?

Wer hier schon län­ger mitliest/mitgelesen hat, der weiß, daß ich sowohl die Recht­schreib­re­form nicht mit­ge­macht habe, wie auch nicht ‘gen­de­re’. Will­kom­men ist hier natür­lich jede Lese­rin, jeder Leser. Pfal­ler schreibt im o.g. Buch gleich zu Anfang, man müs­se gele­gent­lich ‘böse’ spre­chen, um sich nicht unkri­tisch in ‘cri­ti­cal good­ness’ zu üben — fast schon ein Para­dox­um. Ich will das hier nicht wei­ter erklä­ren, son­dern zum Punkt kom­men:

Ich bin mir über die­ses, mein Blog und über mei­ne Absicht dahin­ter schon lan­ge nicht mehr klar. Daher die Off­line-Zei­ten im Win­ter 22/23 oder jetzt im Som­mer 23. Zu erzäh­len habe ich nach wie vor viel, aber so, wie ich als Mensch in mei­nem Lebens­um­feld eher ver­ein­zelt lebe, so fra­ge ich mich auch, wen inter­es­siert, was ich hier schrei­be. Natür­lich, die Lebens­re­form ist auf der einen Sei­te zu einem festen Bestand­teil der wis­sen­schaft­li­chen For­schung gewor­den, davon zeu­gen die vie­len Ver­öf­fent­li­chun­gen der letz­ten Jah­re. Ande­rer­seits wur­de sie durch die bewußt dele­gi­ti­mie­ren­de Ver­knüp­fung mit der Quer­den­ker-Bewe­gung von ins­be­son­de­re zwei Autoren im Zuge der Covid-Situa­ti­on in den Schmutz gezo­gen.

Ich mache einen Sprung: War­um ist das Blog jetzt wie­der online? “Weil ich Orwell abän­dern möch­te.” Denn es ist doch gera­de die Ver­knüp­fung aus dem gesun­den Leben, das einen gesun­den Geist för­dert, und dem Berich­ten, dem Nach-Außen-Tra­gen — nicht in ange­be­ri­scher Wei­se, son­dern natür­lich, anre­gend, mut­ma­chend. Somit ist das Blog auch bei ’schwei­gen­dem Rück­zug’, bei Ein­hal­tung von Sprach­nor­men und Ver­mei­dung von kri­ti­schen Aus­sa­gen ein — mein — Sprach­rohr nach ‘drau­ßen’.

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