Arzúa bis O Pedrouzu (CF41)

[Die Sei­te ist Teil des Berichts über mei­nen Cami­no Fran­cés 2015.]

Für den heu­ti­gen letz­ten „rich­ti­gen“ Wan­der­tag war eine klei­ne Etap­pe von 19 Kilo­me­tern geplant. Unse­re gesam­te Pla­nung war um einen Tag kor­ri­giert wor­den, even­tu­ell hat­ten wir uns beim frü­he­ren Pla­nen ver­tan: heu­te war Diens­tag, mor­gen, Mitt­woch, wür­den wir in Sant­ia­go ankom­men. Don­ners­tag wür­den Peter und Shel­ley noch da sein. Letz­te­re flog am Frei­tag­mor­gen via Rom nach Hau­se. Peter muß­te am frü­hen Sams­tag­mor­gen schon zum Flie­ger. Nur ich blie­be dann übrig, mein Rück­flug ging am frü­hen Sams­tag­abend…

Wir star­te­ten rela­tiv spät, nah­men noch ein Früh­stück in einer über­füll­ten Bar in Arzúa mit, dann ging es über vie­le Asphalt­we­ge in Rich­tung O Ped­rou­zu. Dafür hat­ten wir Son­ne und blau­en Him­mel, um die 22°C. Heu­te gin­gen wir eher schwei­gend, jeder hing sei­nen Gedan­ken nach. Gele­gent­lich durch­quer­ten wir Euka­lyp­tus­wäld­chen, dann führ­te mal wie­der ein Hohl­weg an einer Wei­de vor­bei.

Alle Stra­ßen­schil­der waren hier mit Namen und Sprü­chen ver­se­hen wor­den. Bau­ern hat­ten in Kör­ben ver­schie­de­ne Früch­te vors Haus gestellt: die Pil­ger konn­ten sich bedie­nen und ein paar Mün­zen dalas­sen. Ich hat­te ganz zu Anfang des Berichts die Altä­re und Gedenk­ta­feln für ver­stor­be­ne Pil­ger erwähnt. Es sind sovie­le, daß man nicht alle in so einem Bericht unter­brin­gen kann und will. Heu­te kamen wir an den qua­si letz­ten grö­ße­ren Gedenk­stät­ten vor­bei, ein­mal an einer Metall­plat­te, mit der man Guil­ler­mo Watt gedach­te, und an einem ein­fa­chen Metall­schild, das an Myra Brennan erin­nert, die 2003 fried­lich in Sant­ia­go ver­stor­ben war, nach­dem sie gera­de ihren zwei­ten Cami­no been­det hat­te. Sol­che Details lie­ßen mir immer eine Gän­se­haut über die Arme lau­fen.

In Sal­ce­da kehr­ten wir in die „Casa Ver­de“ ein, eine etwas aus­ge­flipp­te Bar, in der meist (so auch 2017) spa­ni­scher Hard­rock gespielt wird (2019 las ich, daß sie nun geschlos­sen sei). Von der Decke der Bar hän­gen hun­der­te T‑Shirts und zum Teil auch BHs, man­che davon beschrif­tet. Genau­so „kunst­voll“ waren die Tische ver­ziert und mit Sprü­chen ver­se­hen. Einer davon lau­te­te: Life con­sists of col­li­si­ons with future. (Wohl ein Zitat von José Orte­ga y Gas­set)
Ja, so könn­te man das nen­nen. Jeder klei­ne, neue Augen­blick ist Zukunft – und auf jeden muß man ange­mes­sen reagie­ren.

Die Zukunft der „Vier­rad-Pil­ger“ sah nicht so sehr nach Kol­li­si­on aus: vor der Casa Ver­de stan­den gleich 5 Klein­bus­se, die auf ihre lauf­fau­len Schäf­chen war­te­ten. An einem guten Stück des heu­ti­gen Weges stan­den gro­ße blaue Müll­ton­nen – wohl als Tri­but an die Mas­sen von Pil­gern, die hier zwi­schen Sar­ria und Sant­ia­go unter­wegs waren. Auf irgend­ei­ner hat­te jemand begon­nen, den Text von John Lennon’s Ima­gi­ne zu notie­ren. Eine Zei­le pro Ton­ne, so daß man immer schon mit den Augen die näch­ste Ton­ne absuch­te, bis es auf der letz­ten hieß: „and the world will live as one. Thank you John Len­non!“

Wir pas­sier­ten den 20-Kilo­me­ter-Stein und waren bald in O Ped­rou­zu. Wider Erwar­ten waren in der ersten pri­va­ten Her­ber­ge, die wir ansteu­er­ten, kei­ne Bet­ten mehr frei. In der Casa Mari­bell wur­de uns aber gesagt: war­tet, die Che­fin kommt gleich, die hat noch Bet­ten in einem ande­ren Haus. Und so kam es: die Dame bat uns ins Auto und fuhr uns quer durch den Ort zur Casa Cal­ma, die ihr eben­falls gehör­te. In die­ser Her­ber­ge im Land­haus-Stil gab es wun­der­vol­le Zim­mer – und tat­säch­lich noch zwei ein­zel­ne für uns. In so einem Haus könn­te ich auch gut ein paar Tage län­ger blei­ben.

Aber die Pil­ger­rou­ti­ne rief wie­der: duschen im gemüt­li­chen Bad mit ver­gol­de­ten Arma­tu­ren, waschen, die Wäsche in die Son­ne hän­gen und sich noch ein wenig im Gar­ten auf­hal­ten. Abends fan­den wir mit ande­ren Pil­gern zusam­men, die vor allem Peter näher kann­te. Das waren Geoffrey und sei­ne Toch­ter Ursu­la aus Eng­land, Fran­ce­s­ca aus San Fran­cis­co, die jetzt aber wohl auf Zypern leb­te. Und natür­lich Peter. Aber wie schon beim Gehen heu­te: jeder hing eher sei­nen Gedan­ken nach, war zurück­hal­tend, muß­te schau­en, wie der Tag mor­gen für ihn ablau­fen wür­de.

Mit trä­nen­er­stick­ter Stim­me sprach ich vor dem Zubett­ge­hen noch auf: „Mor­gen ist alles vor­bei. Mehr kann ich dazu jetzt nicht mehr sagen.“

[Hier geht’s zum Fol­ge­bei­trag.]

[Hier geht’s zur Über­sichts­sei­te Cami­no Fran­cés 2015.]

Ähnliche Beiträge

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert