Mystik (2)

Als ich am 9. Janu­ar 1997 aus einem inten­si­ven Traum auf­wach­te und eine Wei­le wach­lag, hat­te ich eine, wie ich damals notier­te, “tie­fe und end­gül­ti­ge Ein­sicht”, daß es ein unun­ter­bro­chen flie­ßen­des Sein gibt. Mein Wesen jen­seits des flüch­ti­gen Ichs ist Teil die­ses Seins in der Form mei­nes jet­zi­gen Lebens als Mensch. Exi­stie­re ich nicht mehr in die­ser Form, tau­che “ich” wie­der in das Flie­ßen des Seins ein — viel­leicht um in ähn­li­cher Form noch ein­mal leben zu kön­nen. Ich “sah”, erspür­te die­se Ein­sicht, ein kur­zer Moment mit einer Art Licht­er­leb­nis, dann nahm ich mich wie­der im Bett lie­gend wahr — mit einem ganz tie­fen und aus­ge­gli­che­nen Glücks­ge­fühl.

Der Bene­dik­ti­ner­mönch und Zen-Mei­ster Wil­li­gis Jäger sag­te ähn­li­ches in einem Inter­view mit der Süd­ti­ro­ler Tages­zei­tung (ohne daß ich mich in die Nähe zu sei­ner Erfah­rung und Weis­heit stel­len möch­te): “Ich per­sön­lich glau­be, dass Zeit­lo­sig­keit unser wah­res Wesen ist, aus der alles quillt und dass wir in die­se Zeit­lo­sig­keit zurück­keh­ren, wenn wir ster­ben, wie die Wel­le zurück­fällt in den Oze­an und nur Was­ser ist. Die per­so­na­le Ein­gren­zung tritt zurück.”

Der Bene­dik­ti­ner Anselm Grün, aus kirch­li­cher Sicht gele­gent­lich kri­ti­sier­ter Viel­schrei­ber zu christ­li­chen The­men, wirft zu mysti­schen Wahr­neh­mun­gen war­nend — auch im Hin­blick auf Jäger — ein: “Man bläht sich mit gro­ßen Bil­dern auf, hält sich also für einen Mysti­ker und denkt, man bräuch­te sich nicht mehr mit den christ­li­chen Dog­men und Glau­bens­sät­zen aus­ein­an­der­zu­set­zen, weil man über jeden kon­kre­ten Reli­gi­on steht.”
Das ist das Tren­nen­de, so auch wenn es ander­wei­tig heißt: “Ein Mysti­ker braucht die Reli­gi­on nicht — bewegt sich aller­höch­stens bewusst gewählt in die­sem begriff­li­chen Rah­men.” (Zwi­schen­zeit­lich gelösch­ter Bei­trag auf GuteFrage.net)
Eben­so las ich neu­lich, ohne die Quel­le noch zu wis­sen: Der Mysti­ker sei das Gegen­über des Kle­ri­kers (Dre­wer­mann?).

Was macht sie aus, die Mystik?
Man kann sagen, sie ist die Beschäf­ti­gung mit dem Gött­li­chen im eige­nen Innern, in der eige­nen See­le. Sie führt letzt­lich zur “unio mysti­ca”, zum gefühl­ten Eins­sein mit dem gött­li­chen Wesens­grund. Für das, was dort im Innern zu fin­den ist, gibt es vie­le ver­schie­de­ne Namen: “Die Kon­tem­pla­ti­on (…) führt in die Erfah­rung die­ser trans­ra­tio­na­len Ebe­ne, in das gro­ße All­um­grei­fen­de, den Urgrund des Seins. Die­ser Urgrund hat vie­le Namen: Gott­heit, das Abso­lu­te, Brah­man, Leer­heit. Es sind Wor­te, die auf etwas ver­wei­sen, was hin­ter dem Wort­sinn steht.” (W. Jäger, Kon­tem­pla­ti­on)
Jäger ver­weist immer wie­der dar­auf, daß er nicht von einem per­so­na­len Gott spricht. “Gott”, das ist der Seins­grund. In “Das Leben endet nie” bezeich­net Jäger die Vor­stel­lung  von einem per­so­na­len Gott als “kind­li­che Reli­gio­si­tät”.

Eines der schön­sten Zita­te, das ich bis­lang dazu gele­sen habe, stammt von Hade­wi­jch von Ant­wer­pen: “Wenn die See­le allein steht in der ufer­lo­sen Ewig­keit, weit gewor­den, geret­tet durch Ein­heit, die sie auf­nimmt, dann wird ihr etwas Ein­fa­ches ent­hüllt, das Unaus­sprech­li­che, das rei­ne und nack­te Nichts.” (zit. Jäger, Kon­tem­pla­ti­on)
Sol­che Wor­te sind es, die der­zeit in mir etwas zum Auf­blü­hen brin­gen. Ein Wie­der­erken­nen, Wie­der­fin­den ist es, ein Lächeln auch, mit dem ich dar­auf zurück­schau­en kann, wie eng­stir­nig ich einst “das Chri­sten­tum” kri­ti­sier­te. Wie ober­fläch­lich stieß ich mich an erstarr­ten Struk­tu­ren, ohne zu erken­nen, daß es eine Viel­falt gibt, die ich dadurch nicht zulas­se. Ins­be­son­de­re wenn ich jetzt erst von den soge­nann­ten Jesus-Sutras lese, (apo­kry­phen) Tex­ten eines dao­istisch über­la­ger­ten Chri­sten­tums, das in Chi­na im 7. bis 10. Jahr­hun­dert  leben­dig war, oder wenn ich das Tho­mas-Evan­ge­li­um lese, dann “gehen mir die Augen auf”, dann rea­li­sie­re ich, wie ich mich selbst ein­eng­te und in eine feste Bahn zwin­gen woll­te. Seit eini­gen Wochen wer­de ich frei davon — und ich erle­be eine ent­spann­te Hei­ter­keit, mit der ich mei­nen All­tags­streß in die­ser Zeit gut kom­pen­sie­ren kann.

Der Ver­weis auf die Apo­kry­phen, also nicht in den Kanon der offi­zi­el­len Schrif­ten der Kir­che auf­ge­nom­me­ne Tex­te, ist auch ein roter Faden: Die Kir­che sah Gno­sti­ker und Mysti­ker immer kri­tisch, sie wur­den besten­falls zen­siert, zum Schwei­gen gebracht, schlimm­sten­falls, wie z.B. die Begi­ne Mar­ga­re­ta Pore­te, ver­brannt. Auch die Jesus-Sutras sind (natür­lich) von der Kir­che nicht aner­kannt. Glei­ches gilt für das Evan­ge­li­um nach Tho­mas: Das “Logi­on 3” dar­aus hat z.B. mysti­schen Cha­rak­ter: “Aber das König­reich ist in eurem Inne­ren, und es ist außer­halb von euch. Wenn ihr euch erken­nen wer­det, dann wer­det ihr erkannt, und ihr wer­det wis­sen, dass ihr die Söh­ne des leben­di­gen Vaters seid. Aber wenn ihr euch nicht erkennt, dann wer­det ihr in der Armut sein, und ihr seid die Armut.”

Immer wie­der liest man, daß die Erfah­run­gen der Mysti­ker sich mit dem Stand der natur­wis­sen­schaft­li­chen For­schung auf­fal­lend decken. Ich den­ke zurück an Bücher, die ich vor vie­len Jah­ren schon gele­sen habe, z.B. Frit­jof Capras “Das Tao der Phy­sik” oder Sere­na Roney-Dou­gals “Wis­sen­schaft und Magie”.
Ich bin tat­säch­lich der Mei­nung, daß wir hier über Phä­no­me­ne spre­chen, die Teil aller Reli­gio­nen sind. Als Teil kön­nen sie nie das Gan­ze sein, daher wer­den die­se sich jen­seits der Reli­gi­ons­gren­zen zu einer Ein­heit ver­bin­den­den Tei­le von Ver­tre­tern ein­zel­ner Reli­gio­nen abge­lehnt. Jäger sag­te im o.a. Inter­view, daß vie­le Men­schen, die in sei­ne Kur­se kom­men, aus der Kir­che aus­ge­tre­ten sei­en.

Zum Abschluß noch ein Zitat von Wil­li­gis Jäger (Kon­tem­pla­ti­on), das mei­ne Wor­te vom Anfang des Tex­tes auf­greift:

“Wäh­rend wir bis jetzt gemeint haben, nach dem Tod begin­ne das eigent­li­che Leben, dann wür­de alles in Ord­nung gebracht, da gäbe es Him­mel und Höl­le, gute und schlech­te Wie­der­ge­burt, erken­nen wir mehr und mehr, dass es der Augen­blick ist, als der sich das offen­bart, war wir Gott nen­nen. Und was noch wich­ti­ger ist: Wir erken­nen, dass er sich als die­ses mein Mensch­sein offen­bart. Ohne Zeit und Raum. Wir sind ein unver­zicht­ba­rer Wim­pern­schlag die­ses Urgrun­des. (…) Wir sagen: ‘Ich bin gebo­ren’. In Wirk­lich­keit müss­ten wir sagen: ES ist als die­ses Ich gebo­ren.”

Teil 1 | Teil 3

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