Von Ascona bis Eden

Die Erich-Müh­sam-Gesell­schaft Lübeck gibt eine Schrif­ten­rei­he her­aus, deren Heft 27 mir durch Zufall bei Ebay auf­ge­fal­len ist.
Das 160 Sei­ten star­ke, 2006 erschie­ne­ne Büch­lein infor­miert über ‘Alter­na­ti­ve Lebens­for­men’ (Unter­ti­tel), wobei Müh­sams eige­ne Bro­schü­re “Asco­na” Aus­gangs­punkt ist und bereits die ersten 40 Sei­ten bean­sprucht. Die­ser Text war wohl auch eine Grund­la­ge der 2005er Tagung der Müh­sam-Gesell­schaft, auf der man sich neben Asco­na auch mit Eden, Worps­we­de / Bar­ken­hoff sowie Gustav Land­au­ers Sied­lungs­idee befaß­te.

Müh­sams kurz­wei­li­ge, 1905 erst­mals erschie­ne­ne Beschrei­bung Asco­nas ruft ein leben­di­ges Bild des Ortes und sei­ner Bewoh­ner her­vor. Natür­lich schil­dert der von den Nazis ermor­de­te poli­ti­sche Akti­vist Asco­na auch “durch sei­ne Bril­le”: “Hier weiß das Volk, dass eine Befrei­ung von allem Staats- und Kir­chen­druck nur mög­lich ist durch das Ein­set­zen jeder ein­zel­nen Per­sön­lich­keit, durch Ver­wei­ge­rung der Arbeits­kraft — durch den Aus­zug auf den hei­li­gen Berg.”
Doch mit allem, was Müh­sam sah, war er nicht ein­ver­stan­den, man­ches kom­men­tiert er spöt­tisch. Berühmt wur­de sein “Gesang der Vege­ta­ri­er — Ein alko­hol­frei­es Trink­lied”. Carl Grä­ser, Lot­te Hat­te­mer, Elly Lenz, Baron Alex­an­der von Rechen­bach-Lin­den sowie Johan­nes Nohl wer­den aus­führ­li­cher vor­ge­stellt. Für Müh­sam ergibt sich das Fazit, Asco­na sei prä­de­sti­niert “zu einer Samm­lungs­stät­te sol­cher Men­schen, die infol­ge ihrer indi­vi­du­ell gear­te­ten Ver­an­la­gung unge­eig­net sind, jemals nütz­li­che Mit­glie­der der kapi­ta­li­sti­schen mensch­li­chen Gesell­schaft zu wer­den.”
Für ihn ist Asco­na Zufluchts­ort, ein Ort, an dem man men­schen­wür­dig leben kann, auch wenn man dazu alko­hol­freie Trink­lie­der sin­gen muß.

Das Buch umfaßt dann noch Chri­stoph Knüp­pels Vor­trag über Land­au­er mit Vor­stel­lung eini­ger “Anar­chi­sten in der Obst­bau­ko­lo­nie Eden” (Carl Tomys, Fried­rich Lisow­ski, Alfred Star­ke). Ger­hard Sem­per, Vor­stands­vor­sit­zen­der der Eden-Genos­sen­schaft von 1998 — 2005, sprach über “Eden — eine leben­di­ge Idee (? oder !)”; Ernstheinrich Mey­er-Sti­ens stellt Hein­rich Voge­l­er vor; Siri Hølm­ebakk geht auf das Schul­pro­jekt Tvind in Däne­mark ein; Kir­sten Lar­sen Mho­ja gibt eine kur­ze Ein­füh­rung in den Frei­staat Chri­stia­nia (1971 — 2005).
(Gera­de wenn ich Chri­stia­nia lese, muß ich an mein Stu­di­um zurück­den­ken, in dem ich mich u.a. mit Metho­den der Sozi­al­ar­beit befaßt habe. Eine Metho­de, die Arbeit mit Kol­lek­ti­ven, heißt Gemein­we­sen­ar­beit, sei­ner­zeit ein Schwer­punkt für mich. Und die Gemein­we­sen­ar­beit wur­de als “Miljö”-Arbeit gera­de in Däne­mark geprägt. Auch die Arbei­ter­sied­lung Eisen­heim hat mich damals fas­zi­niert.)
Im Buch folgt Ste­phan Kür­les Vor­stel­lung eines Jugend­zen­trums “Die Alter­na­ti­ve” in Lübeck, den Abschluß bil­det ein inter­es­san­ter Text über den Arzt Karl Strünck­mann (1872 — 1953). Der Autor Oli­ver M. Piecha unter­sucht das “Welt­bild eines deut­schen Diät­arz­tes” und gibt “Anmer­kun­gen zum Ver­hält­nis zwi­schen Lebens­re­form und völ­ki­schem Fun­da­men­ta­lis­mus”. Zitat: “Strünck­mann folg­te Zeit sei­nes Lebens den oft irri­tie­ren­den und ver­schlun­ge­nen Pfa­den deut­scher Sinn­su­che zwi­schen Kri­tik an der indu­stri­el­len Moder­ne, lebens­re­for­ma­to­ri­schen Expe­ri­men­ten und einem unbän­di­gen Wunsch nach spi­ri­tu­el­ler ‘Ganz­heit’.”

Heft 27 der Müh­sam-Gesell­schaft ist eine kosten­gün­sti­ge Mög­lich­keit, sich über Sied­lungs­pro­jek­te sowohl der Lebens­re­form­zeit als auch moder­nen Able­gern zu infor­mie­ren. Im Auge soll­te man dabei behal­ten, daß der Schwer­punkt poli­tisch deut­lich “links” bis anar­chi­stisch liegt.

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