Mystik (3)

Steigt man in die Beschäf­ti­gung mit dem The­ma Mystik ein, fällt nach aus­gie­bi­ger Lite­ra­tur­re­cher­che schnell auf, wo man genau­er suchen und was man ver­nach­läs­si­gen kann. Mystik ist nicht gleich Mystik, jeder Autor hat sei­nen Schwer­punkt und sei­ne Grund­aus­rich­tung.Bei­spiel: Wil­li­gis Jäger ist sowohl ZEN-Leh­rer als auch Bene­dik­ti­ner­mönch. Sei­ne Vor­stel­lung von “Gott” ist trans­per­so­nal, er spricht z.B. vom Urgrund und benutzt ger­ne das Bild von der Wel­le (Form, Indi­vi­du­um), die wie­der in den Oze­an zurück­fällt (Urgrund des Seins). Jäger hat den klas­si­schen Text “Wol­ke des Nicht­wis­sens” in der Über­set­zung von Wil­li Mas­sa neu her­aus­ge­ge­ben. Mas­sa war eben­falls christ­li­cher Theo­lo­ge, der bei Lass­alle mit ZEN in Berüh­rung kam und dies auch in Japan ver­tief­te (man fin­det wenig bio­gra­phi­sches über ihn so auf Anhieb). Mas­sa und Jäger ste­hen sich vor die­sem Hin­ter­grund nahe.
Inter­es­sant ist es nun, daß die Über­set­zung der “Wol­ke des Nicht­wis­sens” durch Wolf­gang Rieh­le offen­bar eine ganz ande­re Stoß­rich­tung hat, wie man auf der Ver­lags­sei­te lesen kann: “Der Leser der «Wol­ke» wird bald bemer­ken, wie unver­ein­bar ihre aus­schließ­lich auf dem Fun­da­ment des christ­li­chen Glau­bens fußen­de Mystik mit dem Zen ist. Hat im Zen der Medi­tie­ren­de das Ziel, durch eine auf jede gegen­ständ­li­che Kon­kre­ti­sie­rung ver­zich­ten­de Medi­ta­ti­on zur Ein­heit mit dem Kos­mos zu fin­den, so geht es in der «Wolke» wie in der christ­li­chen Mystik über­haupt um die Ver­ei­ni­gung der See­le mit Gott in der unio mysti­ca.”

“Ein­heit mit dem Kos­mos”? Das wür­de ein Autor wie Jäger ver­mut­lich auch als “Ver­ei­ni­gung der See­le mit Gott” deu­ten, Rieh­le hat offen­bar einen sta­ti­sche­ren, per­so­na­len Got­tes­be­griff, der aus­schließ­lich in der christ­li­chen Vor­stel­lung vom per­sön­li­chen Gott ver­an­kert scheint.

Der­zeit lese ich “Gebor­gen und frei” von Pierre Stutz. Auch hier wird Wil­li­gis Jäger erwähnt. Stutz stört sich am Bild von der Wel­le und dem Meer, er kön­ne das “Auf­ge­hen im Einen” nicht “abso­lut set­zen”, es ent­sprä­che nicht sei­ner Sehn­sucht. Jägers Visi­on erklärt er mit Begrif­fen von Anne­ma­rie Schim­mel als “Unend­lich­keits­my­stik”, wäh­rend sei­ne dia­lo­gi­sche Form, die das gan­ze Buch durch­dringt, als “Per­sön­lich­keits­my­stik” zu sehen sei. In einem ande­ren Werk spricht Stutz (mit Mar­tin Buber) vom “Ewi­gen Du”.
Wenig spä­ter kri­ti­siert er das “Reden von der Voll­kom­men­heit” (Text von Doris Zölls in einer Fest­schrift für Jäger), das sei ihm “fremd und zu apo­li­tisch”. Solan­ge täg­lich Kin­der auf der Welt ver­hun­ger­ten, kön­ne er nie sagen, “dass alles voll­kom­men ist”.
Ich glau­be, daß Stutz genau weiß, wie die Voll­kom­men­heit, die Zölls erwähnt, gemeint ist. Auch hier paßt das Bild von der Wel­le, die “voll­kom­me­ner Oze­an” ist. Daß es Unge­rech­tig­keit, unsin­ni­ges Ster­ben, Mord und Tot­schlag in der Welt gibt, ändert jedoch nichts dar­an, daß die­se “Voll­kom­men­heit” in jedem Wesen zur Aus­ge­stal­tung gekom­men ist.

Es wird deut­lich, daß die über­kon­fes­sio­nel­le Sicht eines Wil­li­gis Jäger auf Kri­tik aus den Rei­hen des Chri­sten­tums trifft. Für mich ist das ganz inter­es­sant, sol­che Fein­hei­ten wahr­zu­neh­men, denn mir wird z.B. klar, daß ich zwar das Buch von Stutz zu Ende lesen wer­de, um einen Ein­blick in die Gedan­ken­welt die­ses ein­fluß­rei­chen Autors zu bekom­men, aber letzt­lich doch eher zum Bild von Wel­le und Meer und der Ein­heits­er­fah­rung mit dem Urgrund ten­die­re.
Man kann sich das viel­leicht wie einen Schie­ber vor­stel­len. Auf einer Ska­la stellt das eine Ende die all­ge­mein­gül­ti­ge, über­kon­fes­sio­nel­le Sicht auf den Urgrund des Seins, die Lee­re, das Nichts dar, am ande­ren Ende steht dann — im kon­kre­ten Bei­spiel — die rein auf christ­li­che Inhal­te bezo­ge­ne Mystik. Jedem mysti­schen Autor könn­te man so mit­tels des Schie­bers einen Platz auf der Ska­la zuwei­sen. Span­nend fin­de ich die Fra­ge, wer von den klas­si­schen Autoren (Mei­ster Ecke­hart, Johan­nes Tau­ler, Hil­de­gard von Bin­gen uvm.) wo auf der Ska­la lan­den wür­de. Ganz per­sön­lich fra­ge ich mich natür­lich, wo sitzt “mein Schie­ber” und wie weit geht er in Rich­tung auf die (rei­ne) christ­li­che Mystik?

Ich wer­de mir als näch­stes die “Wol­ke des Nicht­wis­sens” in der neu her­aus­ge­ge­be­nen Ver­si­on von Jäger zule­gen, danach den schon bestell­ten Band von Eno­mi­ya-Lass­alle über “Zen-Medi­ta­ti­on für Chri­sten” lesen.

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