Obanos bis Estella (CF12)

[Die Sei­te ist Teil des Berichts über mei­nen Cami­no Fran­cés 2015.]

Einer der schön­sten Momen­te des Tages ist der, wenn man mor­gens den Ruck­sack auf den Rücken schwingt, im Wis­sen dar­um, alle sei­ne Habe nun auf dem Rücken zu tra­gen; sich wie jeden Tag nach Westen wen­det und ein­fach nur los­lau­fen kann. Das ist im übri­gen auch das, was mir nach der Heim­kehr am mei­sten gefehlt hat, das Auf­bre­chen und das mono­to­ne Gehen, jeden Mor­gen von neu­em. Statt­des­sen saß ich wie­der im Büro.

Wir waren heu­te wie­der früh dran, auch wenn das Früh­stück in der Her­ber­ge ein gewis­ses Flair hat­te: wir saßen mit den ande­ren Pil­gern in einem gro­ßen Raum mit anti­ken Möbeln und Kamin­feu­er in so einer Art spa­ni­schem Land­haus-Stil. Ein Kilo­me­ter­stein auf dem Weg aus Oba­nos her­aus zeig­te 665 Kilo­me­ter als Distanz bis nach Sant­ia­go. Die Son­ne ging hin­ter uns auf, wäh­rend wir kurz einer Land­stra­ße folg­ten.

Schon nach unge­fähr zwei Kilo­me­tern kamen wir in Puen­te la Rei­na an, einem klei­nen Städt­chen, das für sei­ne schö­ne Brücke aus dem 11. Jahr­hun­dert bekannt ist. Am Orts­ein­gang steht die etwas düster wir­ken­de Sta­tue eines mit­tel­al­ter­li­chen Pil­gers aus Anlaß des Zusam­men­tref­fens der bei­den Wege über Som­port­paß (ara­go­ne­si­scher Weg) und Iba­ñe­ta-Paß (Cami­no Fran­cés) mit dem Spruch, daß von hier an alle Wege nur ein Weg sei­en.
Rai­mund Joos (Joos 2017) weist dar­auf hin, daß in Städt­chen, die sich seit dem Mit­tel­al­ter wenig ver­än­dert hät­ten, die Haupt­stra­ße immer noch mit der alten Pil­ger­stra­ße, der sir­ga pere­gri­nal iden­tisch sei, was man in Puen­te la Rei­na gut sehen kön­ne.
Kurz schau­ten wir in die Sant­ia­go-Kir­che rein (lei­der nur mini­mal beleuch­tet), foto­gra­fier­ten besag­te Brücke — und schon waren wir unter­wegs auf brei­tem Kies­weg in Rich­tung Estel­la.

Da mei­ne Wäsche über Nacht nicht getrock­net war, hing ich sie ein­fach hin­ten an den Ruck­sack. Ein „wan­deln­der Wäsche­trock­ner“ ist kei­nes­wegs ein unge­wöhn­li­ches Bild auf dem Jakobs­weg. Mit uns ging über etli­che Kilo­me­ter eine offen­bar ein­hei­mi­sche Frau in eher schicker Klei­dung und mit einer Tra­ge­ta­sche in der Hand.
Der Weg hat­te eini­ge knacki­ge Stei­gun­gen, bis wir das male­ri­sche Ört­chen Mañe­ru erreich­ten. Das Wet­ter war warm, aber es war per­ma­nent recht win­dig. Und der Wind trieb die Wol­ken über den Him­mel, was für herr­li­che Licht- und Schat­ten­spie­le sorg­te. Der näch­ste Ort, Cirau­qui, lag plötz­lich hell erstrahlt vor uns, wäh­rend wir im Schat­ten pil­ger­ten.

Cirau­qui möch­te ich auf jeden Fall irgend­wann noch ein­mal besu­chen. Der Cami­no führt mit­ten durch den male­ri­schen, mit­tel­al­ter­lich wir­ken­den Ort, wozu man auf der einen Sei­te den Hügel empor­steigt, durch enge Gas­sen bis zum Rat­haus­platz, wei­ter durch einen tun­nel­ar­ti­gen Durch­gang, dann auf der ande­ren Sei­te wie­der hin­un­ter­geht. Man fei­er­te das Fest Día de la Cruz (Tag des Kreu­zes), eine Musik­ka­pel­le zog bereits wie­der durch den Ort, wäh­rend mit star­kem Was­ser­strahl noch die Reste der vor­he­ri­gen Nacht besei­tigt wur­den. Als Pil­ger ist man da eher Zuschau­er im Sin­ne des Gegen­sat­zes von orts­be­zo­ge­nem Fest und vor­bei­ei­len­der Pil­ger­men­ge. Mir fällt auf, daß ich das Wort „vor­bei“ hier oft in den Beschrei­bun­gen nut­ze, aber es gibt ja auch den Cha­rak­ter der Pil­ger­schaft wie­der: nie ver­weilt man lan­ge an einem Ort, ja, in den Her­ber­gen darf man nur eine Nacht blei­ben, es sei denn, man wäre krank. Es geht immer wei­ter, Land­schaft, Orte, Men­schen zie­hen vor­bei. Der Pil­ger ist ein Frem­der. Und wenn die Bewoh­ner von Cirau­qui am Nach­mit­tag wie­der fei­er­ten, wür­de ich schon in Estel­la sein.

Von erhöh­tem Punkt aus kann man beim Ver­las­sen des Ortes erken­nen, daß nied­ri­ge Büsche so in einen Hang gepflanzt waren, daß sie eine Welt­kar­te erga­ben. Was zunächst in der impo­san­ten Brei­te von ca. 50 Metern beein­druckend aus­sieht, bekommt dann einen scha­len Bei­geschmack, wenn man rea­li­siert, daß jeder Busch in einem Auto­rei­fen steckt…
Wei­ter ging es über eine alte Römer­stra­ße mit ent­spre­chen­den, durch­aus impo­san­ten Brücken- und Mau­er­re­sten und durch eine Land­schaft, die mit Wein, Zypres­sen und Oli­ven­hai­nen das Gefühl von Süden / Urlaub / Erho­lung her­vor­rief. Doch so lang­sam begann sich der Tag — auch durch die Wär­me — etwas zu zie­hen. Wir hat­ten 25 Kilo­me­ter bis Estel­la vor uns, irgend­wann spür­te ich, daß sich am lin­ken gro­ßen Zeh etwas unge­wöhn­lich anfühl­te. Die Erfah­rung, daß die Füße sich warm (gele­gent­lich feucht) anfühl­ten, hat­te ich schon in den letz­ten Tagen gemacht, aber das kam schlicht­weg von den lan­gen Zei­ten, die die Füße in den schwe­ren Schu­hen steck­ten. Jetzt mein­te ich zu spü­ren, daß sich eine Bla­se ent­wickel­te, also Schuh und Socken aus und nach­ge­schaut — nichts. Trotz­dem habe ich den Zeh mit Tape umwickelt. Das ist im übri­gen eine der wich­tig­sten Regeln beim Pil­gern: sobald man etwas Auf­fäl­li­ges ver­spürt, muß man anhal­ten, also nicht noch mal eben ein paar Kilo­me­ter wei­ter­lau­fen. Pas­siert ist an die­sem Tag nichts — und an kei­nem der fol­gen­den. De fac­to war dies das ein­zi­ge Mal, daß das Tape zum Ein­satz kam.

Heu­te mach­te ich vie­le Land­schafts­fo­tos, weil der blaue Him­mel mit den wei­ßen Wol­ken so schön mit dem Beige der brach­lie­gen­den Äcker und dem dunk­len Grün der Vege­ta­ti­on kon­tra­stier­te. Wir pas­sier­ten die Ermi­ta San Miguel Arcán­gel aus dem 10. Jahr­hun­dert, frü­her Pil­ger­hos­piz, heu­te ein lee­rer Kir­chen­bau mit vie­len Devo­tio­na­li­en auf dem Altar und laut Brier­ley (2015) Ort frü­he­ster christ­li­cher Iko­no­gra­phie in Navar­ra, die sich heu­te im Muse­um in Pam­plo­na befin­den soll.
Als ich zum Ein­gang kam, bemerk­te ich, daß ein ande­rer Pil­ger ganz allein in der Kir­chen­rui­ne sang, aber er signa­li­sier­te mir, daß ich ihn nicht stör­te. Ich sah mir die bei­den Altä­re an, einen Stein­qua­der und einen eher moder­nen, die über und über mit Devo­tio­na­li­en bedeckt waren: von Oli­ven­zwei­gen über getrock­ne­te Blu­men zu Fotos, Brie­fen, bun­ten Bän­dern und hand­schrift­li­chen Zet­teln. „Sam, I walk for you.“

Die letz­ten unge­fähr drei Kilo­me­ter war ich ziem­lich erschöpft, viel­leicht kün­dig­te sich schon der mor­gi­ge Tag mit sei­nen Schmer­zen an; im Rück­blick könn­te das die Ursa­che dafür gewe­sen sein, daß ich mich eher nach Estel­la schlepp­te als unbe­schwert pil­ger­te.
Hel­ga und ich beschlos­sen, zuerst in der kirch­li­chen Her­ber­ge San Miguel zu schau­en, das ist eine soge­nann­te Dona­tivo-Her­ber­ge, d.h. man spen­det soviel Geld, wie man meint, für die Nacht geben zu wol­len. Das ist kei­ne Pflicht, man könn­te auch ohne zu zah­len wie­der gehen, so daß sich ins­be­son­de­re jugend­li­che, oder nicht ganz so „liqui­de“ Pil­ger die­se Her­ber­gen aus­su­chen, was die­sen Über­nach­tungs­stel­len, wie ich spä­ter auch in Gra­ñon fest­stel­len konn­te, ein hip­pie-eskes Ambi­en­te gab — dazu spä­ter mehr.

Unse­re Her­ber­ge hat­te einen aufs Eng­ste mit Bet­ten zuge­stell­ten Schlaf­raum mit so wenig per­sön­li­chem Platz, wie ich es nie wie­der erlebt habe. Die Bet­ten waren mit Pla­stik über­zo­gen, auch das Kopf­kis­sen, was komisch roch und sich auch nicht wirk­lich prickelnd anfühl­te. Als eine gan­ze „Hor­de“ jun­ger Spa­ni­er ein­tru­del­te, wuß­te ich bereits, das wür­de eine höl­li­sche Nacht wer­den — ich soll­te mich nicht geirrt haben…
Dafür war die Dusche super mit dickem Was­ser­strahl und erfrisch­te rich­tig nach die­sem lan­gen Tag. Die Her­ber­ge befand sich im Erd­ge­schoß eines nor­ma­len Miets­hau­ses, so daß die Dusche in einem nor­ma­len, klei­nen Bade­zim­mer war. Wir mach­ten Pau­se, luden die Han­dys, plan­ten den kom­men­den Tag.

Ein paar Wor­te zu die­sen Pla­nun­gen: ich hat­te als gedruck­ten Füh­rer „den Brier­ley“ (Brier­ley 2015) mit, den ich allen ande­ren, ins­be­son­de­re den bei­den bekann­te­sten, deut­schen Füh­rern vor­zog, dazu noch einen Aus­druck mit allen Orten und Distanz­an­ga­ben von der sehr hilf­rei­chen Sei­te „Pla­ni­fi­ca­dor“. Grund­sätz­lich wird mitt­ler­wei­le in den Dis­kus­si­ons­fo­ren immer gera­ten, nicht die Stan­darde­tap­pen zu lau­fen, die die übli­chen Rei­se­füh­rer ange­ben, da sich in den Ziel­or­ten dann die Pil­ger häu­fen und Bet­ten knapp wer­den kön­nen. Ich setz­te mich also jeden Tag hin, ver­glich die Distanz­an­ga­ben des Pla­ni­fi­ca­dors mit den Her­bergs­be­schrei­bun­gen von Brier­ley und über­leg­te, wie weit ich gehen woll­te. Estel­la — Los Arcos ist so eine Stan­darde­tap­pe, die z.B. Brier­ley angibt, wes­we­gen am fol­gen­den Tag auch recht viel in Los Arcos los war. In die­sen ersten ein bis zwei Wochen mei­ner Pil­ger­schaft war das Reser­vie­ren von Unter­künf­ten inter­es­san­ter­wei­se noch kein The­ma (trotz vie­ler Pil­ger), was sich aber ändern soll­te.

Wir streif­ten dann durch Estel­la, das uns den Ein­druck gab, daß vom Glanz alter Zei­ten (Palast der Köni­ge Navar­ras usw.) wenig übrig­ge­blie­ben war. Hier spür­te ich zum ersten Mal deut­lich den Unter­schied zwi­schen den her­aus­ge­putz­ten bas­ki­schen „Hoch­bur­gen“ in den Pyre­nä­en und dem hier in der Regi­on enden­den bas­ki­schen Sprach­ge­biet. Der Ort wirk­te ein wenig „in die Jah­re gekom­men“. Neben dem Pala­cio sahen wir uns die höher gele­ge­ne Igle­sia de San Pedro de la Rúa mit einer schö­nen Jako­bus­sta­tue an, gin­gen dann zum Zen­tral­platz mit der Kir­che San Juan Bau­ti­sta (Johan­nes der Täu­fer), um dort in einem Restau­rant unser Pil­ger­me­nü zu essen.

Wie­der war ich erfreut dar­über, daß ich mit dem Kell­ner ein paar Wor­te auf spa­nisch wech­seln konn­te. Als er die Rech­nung brach­te, fiel mir auf, daß das Bier nicht berech­net war. Ich sag­te, das Bier sei nicht auf der Rech­nung, doch er erwi­der­te, kein Pro­blem, das sei auch im Menü mit drin… Nett, immer wie­der als Pil­ger das Gefühl zu erhal­ten, will­kom­men zu sein. So saß eine alte Frau kurz vor Estel­la strickend an der Stra­ße und rief uns fröh­lich ein „Buen Cami­no“ zu. Aller­dings habe ich auch — sel­ten! — die Kehr­sei­te erlebt.

Zur Nacht schrei­be ich lie­ber nichts… Oder in Kür­ze: lär­mend in die Her­ber­ge kom­men­de spa­ni­sche Mit­pil­ger, Schnar­chen, knar­zen­de Bet­ten, Pla­stik­ge­ruch des Bet­tes, sticki­ge Luft…
Zum Schnar­chen: ich schnar­che ja selbst auch, was mir John schon nach der ersten Nacht in Oris­son mit­ge­teilt hat­te. Da ich selbst unter noch hef­ti­ge­ren Schnar­chern litt, war ich immer bemüht, eine Schlaf­hal­tung zu fin­den, in der ich nicht oder nur wenig schnar­che. Ich hof­fe, daß das eini­ger­ma­ßen funk­tio­niert hat, zumin­dest hat mich nie­mand böse ange­macht oder mich gemie­den oder was auch immer. Zwar habe ich immer mal wie­der von mir etwas ver­trau­te­ren Pil­gern erfah­ren, daß ich geschnarcht hat­te, aber ich hof­fe, daß das nicht die Regel war. Vie­le Pil­ger haben Ohr­stöp­sel dabei, um den „nacht­ak­ti­ven“ Mit­pil­gern nicht zuhö­ren zu müs­sen…

[Hier geht’s zum Fol­ge­bei­trag.]

[Hier geht’s zur Über­sichts­sei­te Cami­no Fran­cés 2015.]

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