Es gibt keine dritte Lebensreformbewegung
Ende 2021 wurde ich auf die beiden Autoren Speit und Greiner aufmerksam, weil ich Nachrichten auf das Stichwort Lebensreform filtere. Plötzlich war da die Rede von den Querdenkern, den Coronaprotesten — und der Herkunft aus der Lebensreformbewegung. Speit propagiert eine “dritte Lebensreformbewegung”, also die klassische Epoche erweitert um die Alternativbewegung der 70er/80er Jahre. Greiner greift das auf, sieht aber statt drei Wellen eher eine ungebrochene, typisch deutsche “Traditionslinie” von der Romantik über die Nationalsozialisten und Querdenker hin zu künftigen Mono-Gesellschaften und Blut-und-Boden-Staaten. (Beide Links gehen zu meinen Eindrücken von diesen Büchern.)
Zugegeben: ich war vor den Kopf gestoßen, fühlte mich angegriffen. Ich beschäftige mich lange mit der Lebensreformbewegung, sie ist mir lieb und wichtig geworden. Natürlich weiß ich um die völkischen Elemente, Rassegedanken und ähnliches — das war aber kein Schwerpunkt in meiner Beschäftigung mit der Lebensreform. Ich habe Surén und Ungewitter im Regal stehen, aber das ist nicht “meine Literatur”, wenn ich an Lebensreform denke. Nehmen wir als Beispiel den Naturismus: mich interessiert die Körperkultur, das gute, sportliche Leben, der Einklang mit der Natur. Gar nicht interessiert mich, ob solche sportlich geformten Körper dann für “rassereine” Nachkommen stehen. Ist nicht mein Thema.
Und hier kommen nun zwei Autoren, die die Lebensreform auf rechts drehen und sie quasi als Sprungbrett sehen: Wie auch immer man springt, mit Drehung oder rückwärts oder kopfüber — man landet immer im Sammelbecken “Querdenker” = Rechtsextremismus.
Wer sind diese Querdenker? Schon bei dieser Frage wird es schwierig. Greiner konstatiert klar: alles Rechtsextreme (Seitenangaben im oben verlinkten Text).
Laut Kurz-Feature bei SWR2 gab es den Begriff tatsächlich schon in der Lebensreformzeit (1915/16), da bedeutete er soviel wie “ohne konkretes Ziel vor sich hin denken”. In heutiger Zeit, aber vor Corona umschrieb er einen Mitarbeiter einer Firma, der diese mit allen Mitteln, nicht nach “Schema F”, voranbringen wollte — also eine positive Konnotation. Durch die sogenannte Corona-Pandemie wurde der Begriff “fundamental”, so der Experte, zu einem Stigma-Wort umgewandelt. [Nachtrag: Siehe dazu auch den Overton-Artikel.]
Querdenker ist damit begrifflich stark eingeengt und reduziert auf Menschen, die gegen die Corona-Maßnahmen demonstrieren. In ihrer Agitation bilden die Querdenker eine typische Querfront-Bewegung, da sie sich aus verschiedensten Milieus stark heterogen zusammensetzt: von alternativ bis esoterisch, von links bis rechts, kritisch bzgl. der Corona-Maßnahmen bis eine Weltverschwörung witternd. Soziologisch sieht es lt. Studie von O. Nachtwey so aus: “Aus der Mittelschicht, eher älter und akademisch gebildet – das sind die typischen Merkmale der Angehörigen der Protestbewegung gegen die Coronamassnahmen in Deutschland und der Schweiz. Die Gegner sind in sich heterogen, aber nach rechts offen und vom politischen System stark entfremdet.”
(Ich bin mir sicher, sie sind auch “nach links offen”, aber das scheint nicht so bedeutsam zu sein.)
Speit und Greiner gehen über diese Definition hinaus, indem sie die heterogene Protestbewegung bewußt über einen Kamm scheren und als rechtsextrem verorten. Und dann der Kunstgriff: verschrobene Nazi-Vorläufer (Greiner sieht die Lebensreform als “Stiefschwester des Nationalsozialismus”) gab es ja früher schon — da ist doch eine direkte Linie…
Nun zum gegenübergestellten Begriff: Lebensreform.
Einer der wichtigsten Aspekte der historischen Lebensreform war die Selbstreform, mit der der gesellschaftliche Umbau beginnen sollte. Wedemeyer-Kolwe (im Folgenden: WK) weist darauf hin, die Lebensreform sei gerade keine Bildungsreform mit Aneignung theoretischen Wissens gewesen, sondern eine Praxisbewegung, die beim Individuum begann, z.B. jede Form von Körperbildung (Gymnastik, FKK…).
Wo ist dieser Aspekt in der Querdenken-Bewegung zu finden? Gar nicht. Progressiv verstandene Selbstreform findet sich da nicht als Grundsatz, nur ein statischer, besitzwahrender Individualismus: ich will die Impfung nicht, ich will die Grundrechtseinschränkungen nicht. Ich kenne keine Querdenker-Äußerungen, die jenseits von Protest programmatisch eine Selbstreform im privaten Umfeld als Bedingung für etwas Neues propagieren. Das ist auch gar nicht Sinn und Zweck der Querdenken-Bewegung, die sich einzig an einem politischen Detail der letzten zwei Jahre aufhängt: den Maßnahmen gegen Covid-19. Man schaue auf diesen Sommer 2022: keine (Regierungs-)Maßnahmen, keine Querfront auf der Straße! Wo sind die Rechtsextremen hin, die so “umstürzlerisch” gegen die Maßnahmen protestierten?! Somit reduziert sich die Querdenker-Agitation auf eine gewünschte “Freiheit von” etwas, nämlich besagten Maßnahmen, keineswegs erkennbar ist eine “Freiheit zu” etwas, wie es für die historische Lebensreform fundamental war.
Neben die Selbstreform tritt eine starke, weit gefächerte Sozialutopie, die im Rahmen der Siedlungsbewegung die “grundlegende Sehnsucht” (WK a.a.O.) der Lebensreformer gebildet habe. Gesellschaftsreform aber auf der Basis der zunächst nötigen Selbstreform!
Wo ist dieser Aspekt in der Querdenken-Bewegung zu finden? Gar nicht. Die Mehrheit der Demonstranten möchte vermutlich so wie vor 2020 leben — in einer modernen Gesellschaft, die Grundrechte garantiert. Die Querdenken-Bewegung hat keine ihr eigene Sozialutopie; sie ist rückwärtsgewandt auf den status quo 2019.
In der Besprechung des Buches “Verqueres Denken” von Speit habe ich hierzu schon etwas geschrieben, s. dort unter Punkt 2 in der Auflistung. In Kürze: Von den 68ern bis heute gibt es systemimmanente Entwicklungen, die damit zusammenhängen, daß politische Einflußnahme von Grün/Links langsam aber sicher zu einem ruinierten, wettbewerbsmäßig abgehängten Land führen wird. Trotz “Atom-Ausstieg”, Veganismus und E‑Autos finden keine neuen, als “dritte Lebensreform” wahrnehmbaren Entwicklungen statt, sondern Dekonstruktionen.
Dritte, von WK erwähnte Grundposition sind Erlösungsphantasien. Das selbstbestimmte, naturbewußte Leben in selbstversorgender Gemeinschaft sollte “Erlösung” von den Tücken der Industrialisierung und Modernisierung bringen. Der durch Nacktbaden und Gymnastik geformte Körper sollte Erlösung von den degenerativen Erkrankungen garantieren.
Wo ist dieser Aspekt in der Querdenken-Bewegung zu finden? Gar nicht, weil die Querdenker nur eine Rückkehr zu Vor-Covid-Zeiten als Agenda haben. Sie wollen eine politische Restauration, keine konkret veränderte Zukunft. Selbst möglicherweise berechtigte Kritik an Gates oder Schwab ist nicht mit einer in die Zukunft gerichteten Vision einer anderen Gesellschaft oder Lebensform verbunden, sondern verharrt im “Früher-war-alles-Besser”.
Damit ist der — das tut manchem weh! — völkische Rassist, der in Ostdeutschland ein Siedlungsprojekt aufbaut, natürlich näher am Thema Lebensreform als die eher unpolitische Familie, die gegen Lockdowns und Schulschließungen protestiert und deshalb an einer Demonstration teilnimmt. Beide können bei ein und derselben Querdenker-Demo sein, ohne daß in der Demo und/oder durch die Veranstalter eine Sozialutopie im lebensreformerischen Sinne propagiert wird. Der Protest ist reaktionär-“retrodirektional” — gegen Covid-Maßnahmen und Impfpflicht.
Der (historische) Lebensreformbegriff sollte eng gefaßt werden — darauf hinzuweisen ist der große Verdienst von WK (a.a.O.). Das ist zum einen die Zeit vor dem 1. Weltkrieg, worin er Wolfgang R. Krabbe (“Gesellschaftsveränderung durch Lebensreform”) folgt. Nach dem ersten Weltkrieg seien die lebensreformerischen Positionen “kulturell durchlässig” geworden hin zu einer “Konturlosigkeit”. “Echte” Lebensreform sei auch nach dem 1. Weltkrieg “gelebte Außenseiterkultur unangepasster Sonderlinge” geblieben.
Hier kann man beispielhaft auf die Freikörperkultur verweisen, die nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland im Grunde keinen lebensreformerischen Impetus mehr hatte und zum reinen Nudismus mutierte.
Zum anderen benennt WK v.a. in Kritik der Lebensreform-Ausstellung 2001/02 in Darmstadt die wichigsten Pfeiler der Reformbewegung im Gegensatz zu einer fast beliebigen begrifflichen Ausweitung: Vegetarismus, Naturheilkunde, Nacktkultur, Siedlungsbewegung.
Lebensreform — so verstanden -, das ist weitab der Aufrufe zu Massendemonstrationen durch die Protagonisten der Querdenker. Querdenker rufen nicht per se zu veganem Leben auf, sie sind nicht nackt während der Demos, sie propagieren keine konkrete für sie typische Heilkunde und sie wollen keine spezifischen Siedlungsprojekte. Auch jenseits dieser bewußt ulkigen Auflistung finde ich keinen “Pfeiler” sozialutopischen Denkens, der allen Teilnehmern von Querdenker-Demos zu eigen ist. Man ist gemeinsam “gegen etwas”, nicht “für etwas”, also vereint in der Ablehnung staatlicher Maßnahmen mit einfachem Wunsch nach dem, was vorher war. Und das, so kann man weiterführen, ist im Grunde unpolitisch, da es sich gegen über alle Parteien hinweg beschlossene Hygienemaßnahmen richtet, die für sich keine politische Einordnung zulassen.
Schaut man genauer, ist der Rückbezug “Querdenken-” zu Lebensreformbewegung eine Luftnummer. Der Vergleich dient damit praktisch der Konsolidierung und Akzeptanzsteigerung (bzgl.) der Regierungsmaßnahmen “gegen Covid” so nach dem Motto: die klassische Lebensreformbewegung mündete in Hitler, die “3. Lebensreformbewegung” in Hitler 2.0. Das ist mutwillig, das ist böse, aber erlaubt. Aber das macht es nicht richtiger.

Ein Kommentar