Samos bis Barbadelo (CF37)

[Die Sei­te ist Teil des Berichts über mei­nen Cami­no Fran­cés 2015.]

Auch heu­te wie­der früh los nach kur­zem Früh­stück in der Her­ber­ge. Es war stock­dun­kel und sehr kühl. Am Orts­aus­gang von Samos blieb ich bei einem Pil­ger­denk­mal ste­hen: über mir waren Mond, Venus und Mars nahe bei­ein­an­der am Him­mel zu sehen.

Wei­ter ging es ent­lang der Fahr­stra­ße, erst dann wie­der durch bewal­de­tes Wei­de­ge­län­de, immer noch deut­lich hüge­lig und im früh­mor­gend­li­chen Dunst lie­gend. In der Fer­ne sah ich ein­zel­ne Gehöf­te inmit­ten der Natur lie­gen, wäh­rend ich hier im Wald ein völ­lig zer­stör­tes Anwe­sen pas­sier­te. Der Him­mel färb­te sich zart­ro­sa, kurz bevor die Son­ne über den Hori­zont kam. Gali­zi­en hat etwas, dach­te ich, auch wenn ich nicht wuß­te, ob es mir dien­lich sein wür­de oder nicht.

Dann ereig­ne­te sich die beim gest­ri­gen Tag schon ange­spro­che­ne Situa­ti­on — in der Beschrei­bung völ­lig “harm­los” und wenig beach­tens­wert: vor mir in ca. 25 Meter Ent­fer­nung lief plötz­lich ein mar­der­ar­ti­ges Tier, dun­kel­braun bis schwarz mit lan­gem Schwanz, über den Weg, schnup­per­te hier und da, sprang her­um und war wie­der in den Büschen ver­schwun­den. Ich war mir rela­tiv sicher, einen (jun­gen) Fisch­ot­ter gese­hen zu haben. Kein ande­rer Mar­der ist so dun­kel und hat die­sen typi­schen, lang wir­ken­den Schwanz. Zudem war ein klei­nes Flüß­chen direkt in der Nähe, und es gibt hier in Gali­zi­en defi­ni­tiv Fisch­ot­ter.

Gleich dar­auf hör­te ich lau­tes Beten in frem­der Spra­che; um die Ecke hin­ter mir in ca. 50 Meter Abstand kam die litaui­sche Pil­ger­grup­pe, die ich gestern schon bei ihrem „Ein­zug“ in Samos erle­ben durf­te: Vor­ne­weg eine Frau, die eine gro­ße Mari­en­sta­tue trug, dahin­ter vier Män­ner, die ein gut zwei Meter lan­ges Kreuz mit Jesus­fi­gur auf den Schul­tern hat­ten, dazu drei oder vier Mann mit Fah­nen – ins­ge­samt um die 2o Per­so­nen in die­ser Pro­zes­si­on, die fast unent­wegt bete­te oder sang (und dann offen­bar kei­ne Bars auf­such­te, son­dern geschlos­sen in den Wald kack­te – sor­ry, aber har­te Wor­te müs­sen so auch mal ste­hen). Ich sprach spä­ter einen der am Ende der Pro­zes­si­on gehen­den Män­ner an: er sag­te, sie trü­gen das Kreuz in „wech­seln­der Beset­zung“ über gut 5000 Kilo­me­ter von Litau­en bis nach Sant­ia­go. Die Grup­pe wirk­te schon am Vor­tag sehr kon­ser­va­tiv. Lusti­ge Epi­so­de am Ran­de: spä­ter am Tag war ich kurz vor den Litau­ern, stand an der für sie nicht ein­seh­ba­ren Stirn­sei­te einer Kapel­le und schau­te durch die Git­ter der Tür ins Inne­re. Just als ich mich wie­der zum Weg umdreh­te, kamen die Litau­er daher und fie­len qua­si vor mir auf die Knie und began­nen zu beten. Hey, ich bin‘s, Bri­an, oder meint ihr die Kapel­le?

So, jetzt muß ich die­se für den Leser eher unschein­ba­ren Bege­ben­hei­ten die­ser bei­den Tage mit­ein­an­der ver­knüp­fen, sonst erklärt sich das nicht. Ich sprach gestern vom Scha­ma­nis­mus. Bei dem Semi­nar, das ich vor Jah­ren besucht hat­te, soll­te ver­sucht wer­den, für eine ande­re Per­son das „Kraft­tier“ zu holen. Ein Kraft­tier ist ein Geist­we­sen in Tier­ge­stalt, das dem scha­ma­nisch Prak­ti­zie­ren­den gut und hilf­reich geson­nen ist, und zumeist in der soge­nann­ten „Unter­welt“ (nicht als „Höl­le“ zu ver­ste­hen) zu fin­den ist, wohin der Scha­ma­ne meist in Trom­mel­be­glei­tung eine soge­nann­te Geist­rei­se macht. Die bei­den Frau­en, enge Freun­din­nen mit reich­lich Erfah­rung in, sagen wir, eso­te­ri­schen Dis­zi­pli­nen, die für mich das Kraft­tier hol­ten, fan­den einen … Fisch­ot­ter. Ins­be­son­de­re die Frau, die aktiv scha­ma­nisch rei­ste, sag­te, sie sei sich abso­lut sicher mit dem Tier, es habe sie qua­si ange­sprun­gen, so als woll­te es für mich gefun­den wer­den. Ich habe mich sei­ner­zeit damit aus­führ­lich beschäf­tigt, mit den Attri­bu­ten des Otters, der Lebens­wei­se auf dem Land und im Was­ser, habe selbst „Kraft­tier­rei­sen“ mit Trom­mel­un­ter­ma­lung zu „mei­nem“ Kraft­tier gemacht und bin, wie soll ich das hier sagen, in eine „Bezie­hung“ mit die­sem Geist­we­sen ein­ge­tre­ten. „Bezie­hung“ mag über­trie­ben sein, aber der Otter war als Tier für mich prä­sent. Dabei habe ich noch nie zuvor einen frei­le­ben­den Otter gese­hen. Bis heu­te. Bis heu­te und hier in die­sem Gali­zi­en, das mir mei­nen Frie­den (man erin­ne­re sich an den Spruch aus der Unter­füh­rung vor Logro­ño: „Inner peace comes after the war within.“) und die Klar­heit mei­nes bis­he­ri­gen Pil­ger­we­ges raub­te. Natür­lich war bei mir sofort die Fra­ge prä­sent: war­um gera­de jetzt ein Otter? War das eine Art Zei­chen?

Und dann schau­te ich genau­er auf das kon­kre­te Set­ting: ört­lich vor mir die­ser Otter, ich dann sozu­sa­gen in der Mit­te und hin­ter mir die from­men Litau­er, die mich mit ihrer über­eif­ri­gen Reli­gio­si­tät klar in den Schat­ten stell­ten (wäre es denn ein Wett­be­werb). War­um erleb­te ich bei­des hier auf so engem Raum: das scha­ma­ni­sche Kraft­tier und ein wohl sehr kon­ser­va­tiv, mög­li­cher­wei­se fun­da­men­ta­li­stisch geleb­tes Chri­sten­tum? War­um stand ich so bild­lich genau mit­tig zwi­schen die­sen Polen? Klar, der näch­ste Gedan­ke muß­te sich fast fol­ge­rich­tig anschlie­ßen: du stehst expo­niert in der Mit­te, stehst da iso­liert, weil du zu kei­ner Sache wirk­lich dazu­ge­hörst. Das mit dem Scha­ma­nis­mus, mit Natur­re­li­gi­on, hast du auf­ge­ge­ben (und jetzt zeigt sich hier dein „Kraft­tier“, um dich zurück­zu­ru­fen). Du bist aus der Kir­che aus­ge­tre­ten und für das Chri­sten­tum zu wan­kel­mü­tig, zu zweif­le­risch und zu abschwei­fend in dei­nen Anstren­gun­gen – da zei­gen dir ande­re, wie es rich­tig geht… Noch ein Gedan­ke kam: Die Litau­er reprä­sen­tie­ren mei­ne Eltern und katho­li­sche Erzie­hung; die habe ich hier im Bild der hin­ter mir beten­den Litau­er „hin­ter mir gelas­sen“, also in der reli­giö­sen Hin­sicht. Der Otter steht für das, was dann kam, das Natur­re­li­giö­se. Aber ist das etwas, das noch vor mir liegt? Ist die Rück­wen­dung zum Chri­sten­tum falsch? Und ganz fun­da­men­tal: war­um bin ich hier auf die­sem katho­li­schen Pil­ger­weg? Aber wenn ich da in der Mit­te ste­he, könn­te das nicht auch bedeu­ten, daß eine Inte­gra­ti­on bei­der Berei­che (in mei­ner Per­son) mög­lich ist? Wie ist das mit dem „Urgrund“, von dem Wil­li­gis Jäger immer spricht? Aus die­sem Urgrund ent­steht jeder katho­li­sche Prie­ster und jeder Ama­zo­nas-Scha­ma­ne. Was gegen­sätz­lich klingt, ist in Wirk­lich­keit nicht getrennt, weil aus dem­sel­ben Urgrund stam­mend. Kann man dann nicht auch sagen, daß die im Scha­ma­nis­mus genutz­ten Tech­ni­ken gött­li­chen Ursprungs — weil Teil der Schöp­fung — sind? Wie auch die im Rei­ki genutz­te Ener­gie? Kann irgend­et­was je außer­halb der Schöp­fung ste­hen? Ich brau­che immer Schub­la­den, brau­che Namen für die Din­ge, die ich mache. Aber Namen tren­nen, wie schon im Dau­de­sching (Tao te king) steht (Schwarz 1988): “sag­bar das Dau doch nicht das ewi­ge Dau nenn­bar der name doch nicht der ewi­ge name namen­los des him­mels, der erde beginn nam­haft erst der zahl­lo­sen din­ge urmut­ter“
Aber, so sag­te ich mir, das ist doch alles sehr weit weg vom „eigent­li­chen“ Chri­sten­tum, vom Glau­be an Jesus Chri­stus, Sohn Got­tes, der für uns Men­schen gestor­ben und dann leib­lich auf­er­stan­den ist. Und wenn ich einem katho­li­schen Prie­ster erzäh­len wür­de, daß ich Jesus tat­säch­lich einst auf einer scha­ma­ni­schen Rei­se in der „Ober­welt“ getrof­fen hat­te (sic!), dann wäre da nicht mit Ver­ständ­nis oder gar Inter­es­se zu rech­nen. Doch benö­ti­ge ich „Ver­ständ­nis“ von einem Ver­tre­ter „in Amt und Wür­de“ einer kon­kre­ten mono­the­isti­schen Reli­gi­on? (Herr im Him­mel, wenn ich mit Kir­chen­kri­tik anfan­ge, kann ich gleich mit dem Taxi zum Flug­ha­fen nach Sant­ia­go vor­pre­schen…) Spä­ter in Sar­ria kam ich hier­auf zurück und dach­te über den Begriff der Ein­heit nach.

Otter vor­ne, Chri­sten hin­ten – Ein­heit der Erleb­nis­se, Ein­heit heißt: nur ein Urgrund. Soll ich, so frag­te ich mich, die­se Lek­ti­on hier ler­nen, damit ich mei­ne Zer­ris­sen­heit bei­le­gen könn­te? War das ein Ein­heits­er­leb­nis für mich, das mich mit mir ver­söh­nen soll? Zwei­fel blie­ben. An den kom­men­den Tagen ging ich immer wie­der auf die­ses Erleb­nis ein und ver­such­te, es aus immer neu­en Blick­win­keln zu sehen. Letzt­lich blieb ich bei die­ser Deu­tung als Ein­heits­er­leb­nis, als Ver­mitt­lung zwi­schen dem, was heid­nisch-scha­ma­nisch in mir war, und dem, was sich wie­der – nach so lan­ger Zeit – mit dem Chri­sten­tum befaß­te.

Lei­der, so muß ich heu­te, da ich die­se Zei­len schrei­be, sagen, ließ ich mich damals von die­ser inten­si­ven Natur­stim­mung in Gali­zi­en „in Ver­su­chung füh­ren“ und mir den Geist ver­wir­ren. Nach Rück­kehr vom Cami­no nahm ich das scha­ma­ni­sche Trom­meln wie­der auf, las wie­der ver­mehrt Bücher zum The­ma, fühl­te mich gut, bis… Bis ich am Neu­jahrs­mor­gen (2016) einen unglaub­lich inten­si­ven Traum hat­te, in dem eine Grup­pe von Tau­ben aus der Luft auf mich her­ab­ge­stürzt kam. Ich erwach­te qua­si bei deren Auf­prall auf mei­nen Kopf aus dem Traum und hat­te sogleich das Bild des Hei­li­gen Gei­stes vor Augen und eine selt­sam ergrei­fen­de, erfüll­te Stim­mung in mir. Das war nicht Gali­zi­en, das war “a team on a mis­si­on”, eine Rück­hol­mis­si­on für den Gefal­le­nen. 

[Seit die­sem 1.1.16 ist das The­ma Scha­ma­nis­mus für mich nicht mehr aktu­ell. Die Scha­ma­nen­trom­mel habe ich bei eBay ver­kauft. 2017 habe ich in mei­nem spi­ri­tu­el­len Tage­buch noch ein­mal die­se Otter­sich­tung und die Begleit­um­stän­de in einem mehr­sei­ti­gen, aus­führ­li­chen Text ana­ly­siert. Inhalt­lich kam ich nicht zu wei­te­ren oder bes­se­ren Schlüs­sen, aber am Ende stand die­ser Satz: „Du denkst mehr über den Otter nach, als du im All­tag an Gott denkst…“
Im April 2019 bin ich wie­der in die katho­li­sche Kir­che ein­ge­tre­ten.]

Zurück zum Cami­no: Bald mün­de­te mein Alter­na­tiv­weg via Samos wie­der in den regu­lä­ren ein und nach einer Stun­de war ich in Sar­ria ange­kom­men. Zuvor hat­te ich noch ein­mal die däni­sche Fami­lie gese­hen, die ich zuerst in Calz­adil­la de la Cue­za getrof­fen hat­te. Man saß wie­der bei den Haus­auf­ga­ben. Sar­ria ist inso­fern ein beson­de­rer Ort am Cami­no, als daß er 111 Kilo­me­ter von Sant­ia­go de Com­po­ste­la ent­fernt liegt. Um die Pil­ger­ur­kun­de, die Com­po­ste­la, erhal­ten zu kön­nen, muß man wenig­stens 100 Kilo­me­ter zu Fuß gepil­gert sein, das heißt, hier in Sar­ria star­ten vie­le Pil­ger und ins­be­son­de­re die tou­ri­sti­schen Ange­bo­te fokus­sie­ren sich oft auf die­se letz­te Strecke bis zum Apo­stel­grab, da der Kun­de ja die Urkun­de erhal­ten soll. Dem­entspre­chend voll bis über­füllt kann es nicht nur in Sar­ria bzw. den wei­te­ren Orten bis Sant­ia­go sein, son­dern auch unter­wegs. Aber wenn man, wie ich, an einem Frei­tag durch Sar­ria geht, ist das alles kein Pro­blem. Die Pau­schal­an­ge­bo­te star­ten über­wie­gend am Mon­tag (Anrei­se am Wochen­en­de vor­her), bie­ten fünf Tages­etap­pen, so daß man am Frei­tag pünkt­lich zur Abend­mes­se in Sant­ia­go ankommt und am Wochen­en­de wie­der abrei­sen kann.

Sar­ria lag am heu­ti­gen Frei­tag­mit­tag ver­las­sen da; es waren kaum Men­schen auf der Stra­ße. Gleich am Orts­ein­gang stand an einem Park­platz ein Coca-Cola-Auto­mat, der von den Moti­ven her auf den Jakobs­weg aus­ge­rich­tet war. Er zeig­te die letz­ten Städ­te bis nach Sant­ia­go wie an einer Per­len­schnur auf­ge­reiht. Jemand hat­te mit Filz­schrei­ber dar­auf geschrie­ben: The Dis­ney­fi­ca­ti­on beg­ins… (Ja, bei mehr als 300000 Pil­gern 2017 – kein hei­li­ges Jahr! – muß das wohl oder übel so sein…) In einem klei­nen Tou­ri­sten­bü­ro am Orts­ein­gang hol­te ich mir den Stem­pel, dann ging es an gro­ßen Hotel­an­la­gen vor­bei bis in den recht schmucken Orts­kern, der von einer anstei­gen­den Stra­ße (Rúa Mai­or, Rúa do Caste­lo) durch­zo­gen wird, die unten mit einer lan­gen Trep­pe beginnt. Bei herr­li­chem Wet­ter ging ich lang­sam die Stra­ße hin­auf, fand aber kei­ne für mich pas­sen­de Bar für einen klei­nen Halt, obwohl es etli­che gab. Auch die Kir­chen waren ver­schlos­sen. Alle Zei­chen stan­den auf „wei­ter!“.

Als ich einen hin­ken­den Pil­ger über­ho­len woll­te, sprach er mich an, ein Deut­scher. Er wis­se nicht, was mit sei­ner Hüf­te los sei, aber er kön­ne nicht mehr lau­fen. Jetzt sei er den gan­zen „Nor­te“ her­un­ter­ge­kom­men, um hier, 100 Kilo­me­ter vor Sant­ia­go, auf­ge­ben zu müs­sen. Der Mann war sicht­lich mit­ge­nom­men und such­te eine Unter­kunft für die Nacht. So beglei­te­te ich ihn bis zum Monaste­rio de la Mag­da­le­na, dem Mag­da­le­nen­klo­ster mit Her­ber­ge. Wir ver­ab­schie­de­ten uns, ich wünsch­te ihm gute Bes­se­rung, hat­te aber das Gefühl, nicht genug gehol­fen zu haben bzw. nicht genug hel­fen zu kön­nen. Das wur­de mir ins­be­son­de­re bewußt, als ich weni­ge Meter wei­ter gegen­über dem Fried­hof an einer Wand den (mah­nen­den) Spruch las: „The Fel­low­ship of the Cami­no“ – in Anleh­nung an Tol­ki­en. Ja, es gibt die­se Gemein­schaft, aber wer auf­grund von Krank­heit lan­ge pau­sie­ren muß, der fällt zurück. Auf dem Cami­no bil­den sich immer wie­der Klein­grup­pen, zu denen man im Prin­zip solan­ge gehö­ren kann, wie man mit dem Tem­po der Grup­pe mit­hal­ten kann. Will ich auf­grund einer krank­heits­be­ding­ten Pau­se die­se Mit­pil­ger wie­der­tref­fen, muß ich zwin­gend mit Bus oder Taxi fah­ren. Und es erin­ner­te mich an Hel­ga, die ich „zurück­ge­las­sen“ habe, obwohl sie selbst zurück­blei­ben woll­te.

Hier hin­ter Sar­ria wur­de es wie­der grün; man muß nach Über­que­rung der Bahn­glei­se über einen anstei­gen­den Wald­weg Höhe gewin­nen. Ich raste­te noch ein­mal auf hal­ber Höhe bei einer mas­si­ven Eiche, dann kamen die Häu­ser von Barb­ade­lo in Sicht. Ich fra­ge mich im nach­hin­ein, war­um ich an der Pen­sión-Alber­gue Casa Barb­ade­lo vor­bei­ge­gan­gen bin; das ist eine schö­ne Anla­ge mit Swim­ming­pool.

Die staat­li­che Her­ber­ge mit dem äuße­ren Charme eines Gesund­heits­am­tes hat­te noch Stun­den geschlos­sen, also ging ich rechts vom Weg ab zur Casa de Car­men, einer pri­va­ten Her­ber­ge. Die­se wird betrie­ben von Car­men und ihrem bereits mit­tags nach Alko­hol rie­chen­den Mann, der zudem etwas unwirsch bei der Geld­her­aus­ga­be war – nicht jeder Pil­ger hat das Klein­geld immer pas­send in der Tasche. Mir wur­de ein Bett in einem auf den ersten Blick sehr schön wir­ken­den Neben­ge­bäu­de zuge­teilt.

Auf den zwei­ten Blick sah ich sie: die Spu­ren von Bett­wan­zen – unüber­seh­bar, mas­sig. Mal ein biß­chen in poten­ti­el­len Ver­stecken gesucht – schon hat­te ich eine leben­de Wan­ze her­aus­ge­pult. Ok, dach­te ich, was ist Plan B? Der wäre 7 oder 8 wei­te­re Kilo­me­ter gewe­sen in der Hoff­nung, in einer der klei­nen Her­ber­gen dort noch ein Bett zu bekom­men. Ich hat­te unge­fähr 22 Kilo­me­ter hin­ter mir und wenig Lust aufs Wei­ter­ge­hen. Daher blieb ich, rück­te mein Bett von der Wand ab, wähl­te ein obe­res Bett – das sich als Fehl­ent­schei­dung ent­pupp­te. Kurz sprach ich mit einer Dänin, weih­te sie in die Pro­ble­ma­tik ein, aber auch sie hat­te kei­ne Lust, noch wei­ter zu lau­fen. War­um war das obe­re Bett eine Fehl­ent­schei­dung? Der Raum war mit Holz getä­felt, auch die Decke, das unglaub­lich vie­le Spal­ten hat. Die Wan­zen las­sen sich also ein­fach von oben, von der Decke her­ab auf die Bet­ten fal­len. (Ich hat­te gele­sen, obe­re Bet­ten sei­en siche­rer, weil die Wan­zen von unten hoch­krie­chen und mög­li­cher­wei­se beim „unte­ren Opfer“ blie­ben.) Wür­de ich eine Alber­gue betrei­ben, es gäbe nur ein­fa­che, geweiß­te Wän­de und Decken ohne Unter­schlupf­mög­lich­kei­ten für unge­be­te­ne Über­nach­tungs­gä­ste auf sechs Bei­nen.

Am näch­sten Mor­gen hat­te ich die typi­schen Biß­spu­ren, klei­ne Rötun­gen, die wie eine Stra­ße auf der Haut lie­gen. Das liegt dar­an, daß die Bett­wan­zen wei­ter­krab­beln, wenn sie nicht direkt Blut fin­den. Sol­che Rötun­gen „an einer Schnur“ sind typisch für Wan­zen­bis­se. Ich hat­te nie all­er­gi­sche Pro­ble­me oder ähn­li­ches mit die­sen Bis­sen. Sie juck­ten nicht mal, waren ein paar Tage sicht­bar und ver­schwan­den. Das war nicht das Pro­blem, son­dern daß man nie wuß­te, ob man Wan­zen oder deren Eier in Klei­dung oder Ruck­sack mit sich trans­por­tier­te, somit zu deren Aus­brei­tung bei­trug und sie im schlimm­sten Fal­le auch mit nach Hau­se brach­te. Im Grun­de half nur eine Kom­plett­rei­ni­gung der gesam­ten Aus­rü­stung. Es gibt Pil­ger, die dazu raten, nur Klei­dung zu neh­men, die bei 60°C wasch­bar ist, weil bei die­ser Tem­pe­ra­tur die Eier abster­ben. Robin, die Pil­ger­kol­le­gin aus Neu­see­land, hat die Radi­kal­kur erlebt: in Rui­telán sah ein Hos­pi­ta­le­ro ihre Bis­se an der Hand und sag­te klar: blei­ben ja, aber nur wenn die gan­ze Aus­rü­stung gewa­schen wird, wie oben schon beschrie­ben. Ich habe es so gehal­ten, daß ich zuneh­mend häu­fi­ger einen grö­ße­ren Teil mei­ner (auch sau­be­ren, nur im Ruck­sack mit­ge­tra­ge­nen) Klei­dung gewa­schen und im Trock­ner getrock­net habe. Mehr dazu spä­ter.

Am Nach­mit­tag saß ich im Außen­ge­län­de, teil­te mei­ne Chips unfrei­wil­lig mit dem Hund von Car­men und genoß die groß­ar­ti­ge Aus­sicht auf das Tal vor mir und die in der Fer­ne lie­gen­de gali­zi­sche Fern­stra­ße CG 2.2, die auf hohen Pfei­lern über das Tal geführt wur­de. Das Abend­essen war gut, es gab unter ande­rem Fisch­sup­pe. Auch nachts habe ich gut geschla­fen, weil ich mich wohl in mein Schick­sal erge­ben hat­te. Es reg­ne­te etwas, hör­te aber im Mor­gen­grau­en auf.

Mitt­ler­wei­le schau­te ich auf die zwei Samos-Etap­pen (zum Klo­ster hin und von ihm fort) zurück als mei­ne Schlüs­sel­etap­pen auf dem Weg. Aus heu­ti­ger Sicht ver­ste­he ich nicht, wie­so ich mich so sehr dar­auf kon­zen­triert habe, mög­li­cher­wei­se war es wirk­lich die­ses Bedürf­nis nach Ein­heit, nach dem Ver­bin­den der Din­ge, die in mir in Kon­kur­renz exi­stie­ren, aber die ich immer als “Ent­we­der-Oder” behan­de­le. 
Manch­mal glaub­te ich, daß ich zwi­schen Navar­ra und León soviel auf dem The­ma Ein­fach­heit, Rein­heit, Schlicht­heit und Demut her­um­ge­rit­ten war, daß hier so ein Rück­schlag pro­gram­miert war. Ich sag­te mir: ich kann in einer Kir­che eine Ker­ze auf­stel­len, einen Rosen­kranz beten und spä­ter eine scha­ma­ni­sche Rei­se unter­neh­men, das schließt sich nicht aus. Kri­tisch dach­te ich am Nach­mit­tag ins­be­son­de­re über die Mystik-Lite­ra­tur, die ich ange­sam­melt hat­te: Fakt war, ich hat­te kei­ne Lust, in ein so sprach­lich anti­quiert wir­ken­des Werk wie die See­len­burg von The­re­sa von Avila hin­ein­zu­le­sen. Die gan­zen Stan­dard­wer­ke kau­en das The­ma wie­der: Gott ist in der Tie­fe des eige­nen Innern zu fin­den, Gott ist Lie­be. Aber man muß­te das auch glau­ben – oder erfah­ren. Den (dao­isti­schen) Urgrund, die dar­aus flie­ßen­de stän­di­ge Ver­än­de­rung konn­te ich gut ver­ste­hen und als Lebens­prin­zip anse­hen. Alles fließt, alles ist in Ver­än­de­rung, ent­steht und ver­geht, aber wo kommt da der Begriff der Lie­be zum Tra­gen? Wenn ich es also schaf­fe, im Hier und Jetzt prä­sent zu sein, dann müß­te ich es schaf­fen, die nega­ti­ven Ener­gien, die mich erfas­sen, end­lich abschüt­teln zu kön­nen. So kom­me ich wei­ter, sprach ich aufs Memo. Sor­ge dich nicht um die Din­ge, die mor­gen gemacht wer­den müs­sen; emp­fin­de die Ein­heit der Din­ge und lege den Streit in dir selbst ad acta. Mache das, was du als rich­tig ansiehst: Rosen­kranz oder Trom­meln…

Jan van Ruys­broeck (1293 – 1381) schrieb: Wir kön­nen weder von Vater, Sohn und Hei­li­gem Geist noch von irgend­ei­nem Geschöpf spre­chen, son­dern nur von einem Wesen, das die urei­gen­ste Sub­stanz der gött­li­chen Per­so­nen ist. Vor unse­rer Erschaf­fung waren wir dort alle eins, denn es ist unser Grund­le­gend­stes Sein. Dort exi­stiert die Gott­heit als ein­fa­ches Sein ohne jeg­li­che Tätig­keit.

(Nach­trag 2020: Heu­te habe ich mehr zu die­sem The­ma ver­stan­den, als damals an Ver­ständ­nis in mir mög­lich war. Was aber auch bedeu­tet, daß Wil­li­gis Jäger nicht nur als Mensch ver­stor­ben ist, son­dern auch mei­ne Fixie­rung auf sei­ne Sicht­wei­se. Auch zweif­le ich an der „Ein­heit der Wege“, denn aus die­ser Sicht ent­steht Belie­big­keit. Das Erleb­te hat jedoch in mir selbst­re­flek­ti­ve Klar­heit erzeugt: heu­te schaue ich genau­er hin, wenn ich wie­der mal zu schwarz oder weiß ten­die­re und die Grau­stu­fen igno­rie­ren will. Aber Grau­stu­fen heißt nicht, daß man zwangs­läu­fig alles ver­men­gen muß.)

[Hier geht’s zum Fol­ge­bei­trag.]

[Hier geht’s zur Über­sichts­sei­te Cami­no Fran­cés 2015.]

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